Exponentialfunktionen
Lernziele
- exponentielles Wachstum von linearem unterscheiden
- die Euler'sche Zahl e kennenlernen
- Wachstums- und Zerfallsprozesse modellieren
Vorwissen empfohlen
Einführung
Stell dir vor, du faltest ein Blatt Papier. Nach dem ersten Falten hast du 2 Schichten, nach dem zweiten 4, nach dem dritten 8. Beim zehnten Mal wären es schon 1024 Schichten. Beim 42. Mal — rein theoretisch — würde das gefaltete Papier bis zum Mond reichen. Was zunächst harmlos beginnt, wird unvorstellbar schnell unvorstellbar groß. Das ist exponentielles Wachstum.
Exponentialfunktionen beschreiben Prozesse, die sich ständig selbst beschleunigen: Bakterienvermehrung, Zinseszins, radioaktiver Zerfall, die Ausbreitung von Viren. Sie sind grundlegend anders als alles, was du bisher kennengelernt hast — und deshalb so wichtig.
Grundidee
Bei einer linearen Funktion kommt in jedem Schritt derselbe Betrag dazu: 3, 6, 9, 12, 15, … (immer ).
Bei einer exponentiellen Funktion wird in jedem Schritt mit demselben Faktor multipliziert: 3, 6, 12, 24, 48, … (immer ).
Der entscheidende Unterschied: Lineares Wachstum addiert, exponentielles Wachstum multipliziert. Anfangs sieht man kaum einen Unterschied, aber nach einer Weile explodiert das exponentielle Wachstum förmlich.
Ein Vergleich macht es deutlich:
| Schritt | Linear () | Exponentiell () |
|---|---|---|
Nach 20 Schritten liegt der lineare Wert bei 210, der exponentielle bei über 10 Millionen.
Erklärung
Die allgemeine Form
Eine Exponentialfunktion hat die Form:
Dabei ist:
- der Anfangswert (der Funktionswert bei , denn )
- die Basis oder der Wachstumsfaktor
Die Variable steht im Exponenten — das unterscheidet Exponentialfunktionen grundlegend von Potenzfunktionen wie oder , bei denen die Variable in der Basis steht.
Wachstum und Zerfall
Der Wachstumsfaktor entscheidet über das Verhalten:
| Wachstumsfaktor | Verhalten | Beispiel |
|---|---|---|
| Exponentielles Wachstum | Bevölkerungszunahme | |
| Exponentieller Zerfall | Radioaktiver Zerfall | |
| Konstant (keine Änderung) | Kein Wachstum |
Wachstum: beschreibt einen Prozess, der pro Schritt um 5 % zunimmt (Faktor ).
Zerfall: beschreibt einen Prozess, der pro Schritt um 10 % abnimmt (Faktor ).
Zusammenhang zwischen Wachstumsfaktor und Wachstumsrate
Wächst eine Größe pro Zeiteinheit um Prozent, dann ist der Wachstumsfaktor:
Nimmt eine Größe pro Zeiteinheit um Prozent ab, dann ist:
Beispiele:
- 3 % Wachstum pro Jahr:
- 7 % Abnahme pro Jahr:
- Verdopplung pro Schritt:
Eigenschaften des Graphen
Der Graph einer Exponentialfunktion (mit und ) hat besondere Eigenschaften:
- Er schneidet die -Achse immer bei
- Er hat keine Nullstelle — der Graph nähert sich der -Achse beliebig an, berührt sie aber nie
- Die -Achse ist eine Asymptote (eine Linie, der sich der Graph annähert)
- Bei Wachstum () steigt der Graph nach rechts immer steiler an
- Bei Zerfall () fällt der Graph nach rechts und nähert sich der -Achse
Die Euler’sche Zahl
In der Mathematik gibt es eine besondere Basis, die in der Natur und Technik ständig auftaucht: die Euler’sche Zahl
Die Zahl ist irrational (unendlich viele Nachkommastellen ohne Muster) und hat eine faszinierende Eigenschaft: Die Funktion ist die einzige Exponentialfunktion, deren Steigung an jeder Stelle genau gleich ihrem Funktionswert ist. In der Analysis (Oberstufe) spielt eine zentrale Rolle.
Die natürliche Exponentialfunktion wird oft auch geschrieben.
Man kann als Grenzwert verstehen:
Das bedeutet: Wenn du 1 Euro auf ein Konto legst und den Zins immer häufiger verzinst (monatlich, täglich, sekündlich, …), nähert sich dein Guthaben nach einem Jahr dem Wert Euro an.
Verdopplungszeit und Halbwertszeit
Verdopplungszeit: Bei exponentiellem Wachstum ist die Verdopplungszeit die Zeitspanne, nach der sich der Bestand verdoppelt hat. Eine nützliche Faustregel:
wobei die Wachstumsrate in Prozent ist. Bei 5 % Wachstum: Zeiteinheiten.
Halbwertszeit: Bei exponentiellem Zerfall ist die Halbwertszeit die Zeitspanne, nach der nur noch die Hälfte des Ausgangswerts vorhanden ist. Die gleiche Faustregel gilt:
wobei die Abnahmerate in Prozent ist.
Exponentialfunktion aufstellen
Aus Anfangswert und Wachstumsrate:
Eine Bakterienkultur startet mit 500 Bakterien und wächst pro Stunde um 20 %.
Aus zwei Datenpunkten:
Gegeben: und .
Aus folgt .
Aus :
Also .
Beispiel aus dem Alltag
Zinseszins auf dem Sparkonto:
Du legst 1000 Euro auf ein Sparkonto mit 3 % Zinsen pro Jahr. Die Zinsen werden am Jahresende dem Konto gutgeschrieben und im nächsten Jahr mitverzinst.
| Jahre | Kontostand |
|---|---|
| Euro | |
| Euro | |
| Euro | |
| Euro | |
| Euro |
Nach 50 Jahren hat sich das Geld mehr als vervierfacht — obwohl „nur” 3 % Zinsen anfallen. Das ist die Kraft des Zinseszinses.
Verdopplungszeit: Jahre. Tatsächlich: Euro — fast verdoppelt.
Radioaktiver Zerfall:
Jod-131 hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen. Wenn zu Beginn 400 mg vorhanden sind:
| Tage | Masse |
|---|---|
| mg | |
| mg | |
| mg | |
| mg | |
| mg |
Nach 32 Tagen (4 Halbwertszeiten) sind nur noch des Ausgangsmaterials übrig.
Anwendung
Aufgabe 1: Eine Bakterienkultur startet mit 1000 Bakterien und verdoppelt sich alle 3 Stunden. Wie viele Bakterien sind nach 12 Stunden vorhanden?
Lösung: In 12 Stunden finden Verdopplungen statt. Bakterien.
Aufgabe 2: Der Wert eines Autos sinkt jährlich um 15 %. Das Auto kostet neu 24 000 Euro. Wie viel ist es nach 5 Jahren wert?
Lösung: Euro.
Aufgabe 3: Eine Substanz zerfällt mit einer Rate von 10 % pro Stunde. Wie lange dauert es ungefähr, bis nur noch die Hälfte übrig ist?
Lösung: Faustregel: Stunden.
Aufgabe 4: Zu Beginn eines Experiments sind 80 Zellen vorhanden. Nach 4 Stunden sind es 1280. Stelle die Exponentialfunktion auf.
Lösung: . , also , also . Funktion: .
Typische Fehler
Exponentielles und lineares Wachstum verwechseln: „Jedes Jahr kommen 100 dazu” ist linear. „Jedes Jahr kommt 10 % dazu” ist exponentiell. Der entscheidende Unterschied: Bei linearem Wachstum ist die absolute Zunahme konstant, bei exponentiellem Wachstum ist die prozentuale Zunahme konstant.
Den Wachstumsfaktor falsch berechnen: 5 % Wachstum bedeutet Faktor , nicht und nicht . Der Faktor allein wäre nur der Zuwachs, nicht der Gesamtfaktor. Denke daran: Du behältst, was du hattest (), und fügst den Zuwachs hinzu ().
Exponentielle Prognosen ins Unendliche fortschreiben: In der Realität wächst nichts ewig exponentiell. Bakterien stoßen an Ressourcengrenzen, Bevölkerungen an Kapazitätsgrenzen. Exponentialfunktionen beschreiben oft nur die Anfangsphase eines Prozesses.
Halbwertszeit als einmaligen Verlust missverstehen: Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte weg. Nach zwei Halbwertszeiten ist nicht alles weg, sondern nochmals die Hälfte — also noch ein Viertel übrig. Der Zerfall wird immer langsamer in absoluten Zahlen.
Zusammenfassung
Merke dir:
- Exponentialfunktionen haben die Form — die Variable steht im Exponenten
- Der Wachstumsfaktor erzeugt Wachstum, erzeugt Zerfall
- Bei Prozent Wachstum ist , bei Prozent Abnahme ist
- Die Euler’sche Zahl ist die natürliche Basis für Wachstums- und Zerfallsprozesse
- Faustregel: Verdopplungs- und Halbwertszeit (mit in Prozent)
- Exponentielles Wachstum startet langsam, wird aber schnell dominant — es unterscheidet sich fundamental von linearem Wachstum