Mittelstufe ~16 Min. Mathematik & Logik

Exponentialfunktionen

Lernziele

  • exponentielles Wachstum von linearem unterscheiden
  • die Euler'sche Zahl e kennenlernen
  • Wachstums- und Zerfallsprozesse modellieren

Vorwissen empfohlen

Einführung

Stell dir vor, du faltest ein Blatt Papier. Nach dem ersten Falten hast du 2 Schichten, nach dem zweiten 4, nach dem dritten 8. Beim zehnten Mal wären es schon 1024 Schichten. Beim 42. Mal — rein theoretisch — würde das gefaltete Papier bis zum Mond reichen. Was zunächst harmlos beginnt, wird unvorstellbar schnell unvorstellbar groß. Das ist exponentielles Wachstum.

Exponentialfunktionen beschreiben Prozesse, die sich ständig selbst beschleunigen: Bakterienvermehrung, Zinseszins, radioaktiver Zerfall, die Ausbreitung von Viren. Sie sind grundlegend anders als alles, was du bisher kennengelernt hast — und deshalb so wichtig.

Grundidee

Bei einer linearen Funktion kommt in jedem Schritt derselbe Betrag dazu: 3, 6, 9, 12, 15, … (immer +3+3).

Bei einer exponentiellen Funktion wird in jedem Schritt mit demselben Faktor multipliziert: 3, 6, 12, 24, 48, … (immer ×2\times 2).

Der entscheidende Unterschied: Lineares Wachstum addiert, exponentielles Wachstum multipliziert. Anfangs sieht man kaum einen Unterschied, aber nach einer Weile explodiert das exponentielle Wachstum förmlich.

Ein Vergleich macht es deutlich:

SchrittLinear (+10+10)Exponentiell (×2\times 2)
0010101010
556060320320
10101101101024010\,240
20202102101048576010\,485\,760

Nach 20 Schritten liegt der lineare Wert bei 210, der exponentielle bei über 10 Millionen.

Erklärung

Die allgemeine Form

Eine Exponentialfunktion hat die Form:

f(x)=abxf(x) = a \cdot b^x

Dabei ist:

  • aa der Anfangswert (der Funktionswert bei x=0x = 0, denn b0=1b^0 = 1)
  • bb die Basis oder der Wachstumsfaktor

Die Variable xx steht im Exponenten — das unterscheidet Exponentialfunktionen grundlegend von Potenzfunktionen wie x2x^2 oder x3x^3, bei denen die Variable in der Basis steht.

Wachstum und Zerfall

Der Wachstumsfaktor bb entscheidet über das Verhalten:

WachstumsfaktorVerhaltenBeispiel
b>1b > 1Exponentielles WachstumBevölkerungszunahme
0<b<10 < b < 1Exponentieller ZerfallRadioaktiver Zerfall
b=1b = 1Konstant (keine Änderung)Kein Wachstum

Wachstum: f(x)=1001,05xf(x) = 100 \cdot 1{,}05^x beschreibt einen Prozess, der pro Schritt um 5 % zunimmt (Faktor 1,051{,}05).

Zerfall: f(x)=1000,90xf(x) = 100 \cdot 0{,}90^x beschreibt einen Prozess, der pro Schritt um 10 % abnimmt (Faktor 0,900{,}90).

Zusammenhang zwischen Wachstumsfaktor und Wachstumsrate

Wächst eine Größe pro Zeiteinheit um pp Prozent, dann ist der Wachstumsfaktor:

b=1+p100b = 1 + \frac{p}{100}

Nimmt eine Größe pro Zeiteinheit um pp Prozent ab, dann ist:

b=1p100b = 1 - \frac{p}{100}

Beispiele:

  • 3 % Wachstum pro Jahr: b=1,03b = 1{,}03
  • 7 % Abnahme pro Jahr: b=0,93b = 0{,}93
  • Verdopplung pro Schritt: b=2b = 2

Eigenschaften des Graphen

Der Graph einer Exponentialfunktion f(x)=abxf(x) = a \cdot b^x (mit a>0a > 0 und b>0b > 0) hat besondere Eigenschaften:

  • Er schneidet die yy-Achse immer bei (0a)(0 \mid a)
  • Er hat keine Nullstelle — der Graph nähert sich der xx-Achse beliebig an, berührt sie aber nie
  • Die xx-Achse ist eine Asymptote (eine Linie, der sich der Graph annähert)
  • Bei Wachstum (b>1b > 1) steigt der Graph nach rechts immer steiler an
  • Bei Zerfall (0<b<10 < b < 1) fällt der Graph nach rechts und nähert sich der xx-Achse

Die Euler’sche Zahl ee

In der Mathematik gibt es eine besondere Basis, die in der Natur und Technik ständig auftaucht: die Euler’sche Zahl

e2,71828...e \approx 2{,}71828...

Die Zahl ee ist irrational (unendlich viele Nachkommastellen ohne Muster) und hat eine faszinierende Eigenschaft: Die Funktion f(x)=exf(x) = e^x ist die einzige Exponentialfunktion, deren Steigung an jeder Stelle genau gleich ihrem Funktionswert ist. In der Analysis (Oberstufe) spielt ee eine zentrale Rolle.

Die natürliche Exponentialfunktion f(x)=exf(x) = e^x wird oft auch exp(x)\exp(x) geschrieben.

Man kann ee als Grenzwert verstehen:

e=limn(1+1n)ne = \lim_{n \to \infty} \left(1 + \frac{1}{n}\right)^n

Das bedeutet: Wenn du 1 Euro auf ein Konto legst und den Zins immer häufiger verzinst (monatlich, täglich, sekündlich, …), nähert sich dein Guthaben nach einem Jahr dem Wert ee Euro an.

Verdopplungszeit und Halbwertszeit

Verdopplungszeit: Bei exponentiellem Wachstum ist die Verdopplungszeit die Zeitspanne, nach der sich der Bestand verdoppelt hat. Eine nützliche Faustregel:

tVerdopplung70pt_{\text{Verdopplung}} \approx \frac{70}{p}

wobei pp die Wachstumsrate in Prozent ist. Bei 5 % Wachstum: t705=14t \approx \frac{70}{5} = 14 Zeiteinheiten.

Halbwertszeit: Bei exponentiellem Zerfall ist die Halbwertszeit die Zeitspanne, nach der nur noch die Hälfte des Ausgangswerts vorhanden ist. Die gleiche Faustregel gilt:

tHalbierung70pt_{\text{Halbierung}} \approx \frac{70}{p}

wobei pp die Abnahmerate in Prozent ist.

Exponentialfunktion aufstellen

Aus Anfangswert und Wachstumsrate:

Eine Bakterienkultur startet mit 500 Bakterien und wächst pro Stunde um 20 %.

f(t)=5001,20tf(t) = 500 \cdot 1{,}20^t

Aus zwei Datenpunkten:

Gegeben: f(0)=200f(0) = 200 und f(3)=1600f(3) = 1600.

Aus f(0)=200f(0) = 200 folgt a=200a = 200.

Aus f(3)=200b3=1600f(3) = 200 \cdot b^3 = 1600:

b3=8b=2b^3 = 8 \quad \Rightarrow \quad b = 2

Also f(t)=2002tf(t) = 200 \cdot 2^t.

Beispiel aus dem Alltag

Zinseszins auf dem Sparkonto:

Du legst 1000 Euro auf ein Sparkonto mit 3 % Zinsen pro Jahr. Die Zinsen werden am Jahresende dem Konto gutgeschrieben und im nächsten Jahr mitverzinst.

K(t)=10001,03tK(t) = 1000 \cdot 1{,}03^t

JahreKontostand
001000,001000{,}00 Euro
5510001,0351159,271000 \cdot 1{,}03^5 \approx 1159{,}27 Euro
101010001,03101343,921000 \cdot 1{,}03^{10} \approx 1343{,}92 Euro
202010001,03201806,111000 \cdot 1{,}03^{20} \approx 1806{,}11 Euro
505010001,03504383,911000 \cdot 1{,}03^{50} \approx 4383{,}91 Euro

Nach 50 Jahren hat sich das Geld mehr als vervierfacht — obwohl „nur” 3 % Zinsen anfallen. Das ist die Kraft des Zinseszinses.

Verdopplungszeit: 70323\frac{70}{3} \approx 23 Jahre. Tatsächlich: 10001,032319741000 \cdot 1{,}03^{23} \approx 1974 Euro — fast verdoppelt.

Radioaktiver Zerfall:

Jod-131 hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen. Wenn zu Beginn 400 mg vorhanden sind:

m(t)=400(12)t/8=4000,5t/8m(t) = 400 \cdot \left(\frac{1}{2}\right)^{t/8} = 400 \cdot 0{,}5^{t/8}

TageMasse
00400400 mg
88200200 mg
1616100100 mg
24245050 mg
32322525 mg

Nach 32 Tagen (4 Halbwertszeiten) sind nur noch 116\frac{1}{16} des Ausgangsmaterials übrig.

Anwendung

Aufgabe 1: Eine Bakterienkultur startet mit 1000 Bakterien und verdoppelt sich alle 3 Stunden. Wie viele Bakterien sind nach 12 Stunden vorhanden?

Lösung: In 12 Stunden finden 12÷3=412 \div 3 = 4 Verdopplungen statt. 100024=100016=160001000 \cdot 2^4 = 1000 \cdot 16 = 16\,000 Bakterien.

Aufgabe 2: Der Wert eines Autos sinkt jährlich um 15 %. Das Auto kostet neu 24 000 Euro. Wie viel ist es nach 5 Jahren wert?

Lösung: W(5)=240000,855=240000,443710649W(5) = 24\,000 \cdot 0{,}85^5 = 24\,000 \cdot 0{,}4437 \approx 10\,649 Euro.

Aufgabe 3: Eine Substanz zerfällt mit einer Rate von 10 % pro Stunde. Wie lange dauert es ungefähr, bis nur noch die Hälfte übrig ist?

Lösung: Faustregel: t7010=7t \approx \frac{70}{10} = 7 Stunden.

Aufgabe 4: Zu Beginn eines Experiments sind 80 Zellen vorhanden. Nach 4 Stunden sind es 1280. Stelle die Exponentialfunktion auf.

Lösung: a=80a = 80. 80b4=128080 \cdot b^4 = 1280, also b4=16b^4 = 16, also b=2b = 2. Funktion: f(t)=802tf(t) = 80 \cdot 2^t.

Typische Fehler

Exponentielles und lineares Wachstum verwechseln: „Jedes Jahr kommen 100 dazu” ist linear. „Jedes Jahr kommt 10 % dazu” ist exponentiell. Der entscheidende Unterschied: Bei linearem Wachstum ist die absolute Zunahme konstant, bei exponentiellem Wachstum ist die prozentuale Zunahme konstant.

Den Wachstumsfaktor falsch berechnen: 5 % Wachstum bedeutet Faktor 1,051{,}05, nicht 0,050{,}05 und nicht 55. Der Faktor 0,050{,}05 allein wäre nur der Zuwachs, nicht der Gesamtfaktor. Denke daran: Du behältst, was du hattest (11), und fügst den Zuwachs hinzu (+0,05+0{,}05).

Exponentielle Prognosen ins Unendliche fortschreiben: In der Realität wächst nichts ewig exponentiell. Bakterien stoßen an Ressourcengrenzen, Bevölkerungen an Kapazitätsgrenzen. Exponentialfunktionen beschreiben oft nur die Anfangsphase eines Prozesses.

Halbwertszeit als einmaligen Verlust missverstehen: Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte weg. Nach zwei Halbwertszeiten ist nicht alles weg, sondern nochmals die Hälfte — also noch ein Viertel übrig. Der Zerfall wird immer langsamer in absoluten Zahlen.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Exponentialfunktionen haben die Form f(x)=abxf(x) = a \cdot b^x — die Variable steht im Exponenten
  • Der Wachstumsfaktor b>1b > 1 erzeugt Wachstum, 0<b<10 < b < 1 erzeugt Zerfall
  • Bei pp Prozent Wachstum ist b=1+p100b = 1 + \frac{p}{100}, bei pp Prozent Abnahme ist b=1p100b = 1 - \frac{p}{100}
  • Die Euler’sche Zahl e2,718e \approx 2{,}718 ist die natürliche Basis für Wachstums- und Zerfallsprozesse
  • Faustregel: Verdopplungs- und Halbwertszeit 70p\approx \frac{70}{p} (mit pp in Prozent)
  • Exponentielles Wachstum startet langsam, wird aber schnell dominant — es unterscheidet sich fundamental von linearem Wachstum

Schlüsselwörter

exponentialfunktionwachstumzerfalleulerhalbwertszeitverdopplungszeit