Fortgeschritten ~15 Min. Natur & Technik

Interferenz und Beugung: Doppelspalt und Gitter verstehen

Lernziele

  • konstruktive und destruktive Interferenz am Doppelspalt erklären
  • die Wellenlänge aus dem Interferenzmuster bestimmen
  • das Beugungsmuster am optischen Gitter beschreiben
  • das Michelson-Interferometer in seinen Grundzügen erklären

Einführung

Licht als Welle — das klingt heute selbstverständlich, war aber Jahrhunderte lang umstritten. Den überzeugendsten Beweis lieferte Thomas Young im Jahr 1801 mit einem verblüffend einfachen Experiment: Er ließ Licht durch zwei schmale Spalte fallen und beobachtete auf einem Schirm dahinter ein Muster aus hellen und dunklen Streifen. Dieses Interferenzmuster lässt sich nur durch Welleneigenschaften erklären — Teilchen hätten einfach zwei helle Streifen erzeugt.

Interferenz und Beugung sind nicht nur historisch bedeutsam. Sie stecken in der CD-Wiedergabe, in Entspiegelungen von Brillengläsern, in der Spektralanalyse von Sternen und in der Präzisionsmessung mit Interferometern. Und sie führen direkt zur Quantenmechanik — denn auch einzelne Elektronen zeigen Interferenzmuster.

Grundidee

Wirf zwei Steine gleichzeitig in einen ruhigen Teich, etwas voneinander entfernt. Von beiden Stellen breiten sich Kreiswellen aus. Wo sich zwei Wellenberge treffen, entsteht ein besonders hoher Berg. Wo Berg auf Tal trifft, gleichen sich die Wellen aus — das Wasser bleibt ruhig. Dieses Muster aus Verstärkung und Auslöschung ist Interferenz. Beim Doppelspaltexperiment passiert mit Licht genau dasselbe — nur dass die „Steine” zwei schmale Spalte sind, durch die eine Lichtwelle hindurchtritt.

Erklärung

Beugung am Einzelspalt

Wenn eine Welle auf einen Spalt trifft, der ungefähr so breit ist wie ihre Wellenlänge, breitet sie sich hinter dem Spalt fächerförmig aus — sie wird gebeugt. Das erklärt das Huygenssche Prinzip: Jeder Punkt im Spalt wirkt als Quelle einer neuen Kugelwelle, und diese Kugelwellen überlagern sich hinter dem Spalt.

Je schmaler der Spalt im Vergleich zur Wellenlänge, desto stärker die Beugung. Ist der Spalt viel breiter als die Wellenlänge, geht die Welle nahezu geradlinig hindurch.

Der Doppelspalt — Interferenz zweier Wellen

Beim Doppelspalt fällt eine ebene Welle auf zwei schmale Spalte im Abstand dd. Hinter jedem Spalt breitet sich eine Kreiswelle aus (Beugung). Diese beiden Wellen überlagern sich auf dem Beobachtungsschirm.

Der entscheidende Faktor ist der Gangunterschied Δs\Delta s — der Unterschied der Wege, die die beiden Wellen zu einem bestimmten Punkt auf dem Schirm zurücklegen. Für einen Punkt unter dem Winkel α\alpha gilt:

Δs=dsin(α)\Delta s = d \cdot \sin(\alpha)

Konstruktive und destruktive Interferenz

Konstruktive Interferenz (helle Streifen): Die Wellen treffen phasengleich ein — Berg trifft auf Berg. Das passiert, wenn der Gangunterschied ein ganzzahliges Vielfaches der Wellenlänge ist:

Δs=nλmit n=0,±1,±2,\Delta s = n \cdot \lambda \quad \text{mit } n = 0, \pm 1, \pm 2, \ldots

Für den Doppelspalt ergibt sich die Bedingung für Maxima:

dsin(α)=nλd \cdot \sin(\alpha) = n \cdot \lambda

Das Maximum bei n=0n = 0 (geradeaus) heißt Hauptmaximum nullter Ordnung, die Maxima bei n=±1n = \pm 1 sind die Maxima erster Ordnung usw.

Destruktive Interferenz (dunkle Streifen): Berg trifft auf Tal — die Wellen löschen sich aus. Das passiert, wenn der Gangunterschied ein ungerades Vielfaches der halben Wellenlänge ist:

Δs=(2n+1)λ2mit n=0,±1,±2,\Delta s = \left(2n + 1\right) \cdot \frac{\lambda}{2} \quad \text{mit } n = 0, \pm 1, \pm 2, \ldots

Wellenlänge bestimmen

Aus dem Interferenzmuster lässt sich die Wellenlänge des Lichts berechnen. Misst man den Abstand aa zwischen dem Hauptmaximum und dem Maximum erster Ordnung auf dem Schirm (Abstand LL vom Doppelspalt), gilt für kleine Winkel:

sin(α)tan(α)=aL\sin(\alpha) \approx \tan(\alpha) = \frac{a}{L}

Eingesetzt in die Bedingung für das erste Maximum (n=1n = 1):

λ=daL\lambda = \frac{d \cdot a}{L}

So hat Young die Wellenlänge von Licht gemessen — und festgestellt, dass sie im Bereich von 400400 bis 700  nm700\;\text{nm} liegt.

Das optische Gitter

Ein Gitter ist im Prinzip eine Erweiterung des Doppelspalts auf sehr viele parallele Spalte (typisch 100100 bis 10001000 pro Millimeter). Die Bedingung für die Maxima bleibt dieselbe:

dsin(α)=nλd \cdot \sin(\alpha) = n \cdot \lambda

wobei dd jetzt die Gitterkonstante ist (der Abstand zwischen benachbarten Spalten).

Der Vorteil des Gitters gegenüber dem Doppelspalt: Die Maxima werden viel schärfer und heller. Das liegt daran, dass sich bei vielen Spalten die Wellen nur bei exakt passendem Gangunterschied konstruktiv überlagern — schon eine kleine Abweichung führt zur Auslöschung. Dadurch lassen sich Wellenlängen sehr präzise messen.

Gitter werden in der Spektroskopie eingesetzt: Weißes Licht wird in seine Farben zerlegt (jede Farbe hat eine andere Wellenlänge und wird unter einem anderen Winkel abgelenkt). So analysieren Astronomen das Licht ferner Sterne und bestimmen deren chemische Zusammensetzung.

Das Michelson-Interferometer

Albert Michelson konstruierte 1887 ein Gerät, das Interferenz für extrem präzise Messungen nutzt. Das Grundprinzip:

  1. Ein Strahlteiler (halbdurchlässiger Spiegel) spaltet einen Lichtstrahl in zwei Teilstrahlen
  2. Jeder Teilstrahl läuft zu einem Spiegel und wird reflektiert
  3. Die beiden Teilstrahlen werden am Strahlteiler wieder zusammengeführt
  4. Je nach Wegunterschied zwischen den beiden Armen interferieren sie konstruktiv oder destruktiv

Verschiebt man einen der Spiegel um eine halbe Wellenlänge (λ2250  nm\frac{\lambda}{2} \approx 250\;\text{nm}), wechselt das Muster von hell zu dunkel. Dadurch lassen sich Längenänderungen im Nanometerbereich messen.

Das berühmte Michelson-Morley-Experiment sollte die Erdbewegung durch den „Äther” nachweisen — das negative Ergebnis war ein Meilenstein auf dem Weg zu Einsteins Spezieller Relativitätstheorie. Heute werden Michelson-Interferometer in Gravitationswellendetektoren (LIGO) eingesetzt, um winzigste Raumverzerrungen zu messen.

Kohärenz

Damit Interferenz beobachtbar ist, müssen die beiden Wellen kohärent sein — sie müssen eine feste Phasenbeziehung zueinander haben. Zwei unabhängige Glühlampen sind nicht kohärent: Ihre Phasen ändern sich zufällig und schnell, sodass das Interferenzmuster ständig wechselt und im Mittel verschwindet.

Beim Doppelspalt ist die Kohärenz automatisch gegeben, weil beide Teilwellen aus derselben Quelle stammen. Laser sind besonders kohärente Lichtquellen und erzeugen daher besonders klare Interferenzmuster.

Beispiel aus dem Alltag

Warum schillert eine CD oder DVD in Regenbogenfarben?

Die Oberfläche einer CD ist mit einer spiralförmigen Spur aus winzigen Vertiefungen (Pits) bedeckt. Der Abstand zwischen benachbarten Spurrillen beträgt d=1,6  μmd = 1{,}6\;\mu\text{m} bei einer CD und d=0,74  μmd = 0{,}74\;\mu\text{m} bei einer DVD — das ist in der Größenordnung der Lichtwellenlänge. Die CD-Oberfläche wirkt daher wie ein Reflexionsgitter.

Weißes Licht enthält alle Wellenlängen von etwa 400  nm400\;\text{nm} (violett) bis 700  nm700\;\text{nm} (rot). Jede Wellenlänge wird unter einem etwas anderen Winkel konstruktiv reflektiert (dsin(α)=nλd \cdot \sin(\alpha) = n \cdot \lambda). Daher siehst du beim Kippen der CD verschiedene Farben aufleuchten — violett unter kleinerem Winkel, rot unter größerem.

Das funktioniert nur, weil die regelmäßige Struktur der Spur eine feste Gitterkonstante hat. Eine zerkratzte oder matte Oberfläche zeigt keine Regenbogenfarben, weil die Regelmäßigkeit zerstört ist.

Anwendung

Aufgabe 1: Licht der Wellenlänge λ=550  nm\lambda = 550\;\text{nm} fällt auf einen Doppelspalt mit dem Spaltabstand d=0,20  mmd = 0{,}20\;\text{mm}. Der Schirm steht L=2,0  mL = 2{,}0\;\text{m} entfernt. Berechne den Abstand aa des ersten Maximums vom Hauptmaximum.

Lösung:

a=λLd=5501092,00,20103=1,11062,0104=5,5103  m=5,5  mma = \frac{\lambda \cdot L}{d} = \frac{550 \cdot 10^{-9} \cdot 2{,}0}{0{,}20 \cdot 10^{-3}} = \frac{1{,}1 \cdot 10^{-6}}{2{,}0 \cdot 10^{-4}} = 5{,}5 \cdot 10^{-3}\;\text{m} = 5{,}5\;\text{mm}

Aufgabe 2: Ein Gitter mit 600600 Spalten pro Millimeter wird mit Licht der Wellenlänge λ=632  nm\lambda = 632\;\text{nm} (roter Laser) beleuchtet. Unter welchem Winkel erscheint das Maximum erster Ordnung?

Lösung:

Die Gitterkonstante ist d=1600  mm=1600  000  m1,667106  md = \frac{1}{600}\;\text{mm} = \frac{1}{600\;000}\;\text{m} \approx 1{,}667 \cdot 10^{-6}\;\text{m}.

sin(α)=nλd=16321091,667106=0,379\sin(\alpha) = \frac{n \cdot \lambda}{d} = \frac{1 \cdot 632 \cdot 10^{-9}}{1{,}667 \cdot 10^{-6}} = 0{,}379

α=arcsin(0,379)22,3°\alpha = \arcsin(0{,}379) \approx 22{,}3°

Typische Fehler

Viele denken: „Beim Doppelspalt kommen einfach zwei helle Streifen auf dem Schirm an — einer pro Spalt.”

Richtig ist: Das wäre das Ergebnis, wenn Licht sich wie Teilchen verhalten würde. Weil Licht eine Welle ist, entsteht durch die Überlagerung ein Muster aus vielen hellen und dunklen Streifen — das Interferenzmuster. Die Positionen der Maxima werden durch die Wellenlänge und den Spaltabstand bestimmt.

Weiterer Fehler: Gitter und Doppelspalt verwechseln. Die Bedingung für die Maxima ist dieselbe (dsin(α)=nλd \cdot \sin(\alpha) = n \cdot \lambda), aber ein Gitter mit vielen Spalten erzeugt schärfere und besser trennbare Maxima. Der Doppelspalt erzeugt breite, weiche Helligkeitsverteilungen.

Dritter Fehler: Vergessen, dass für Interferenz Kohärenz nötig ist. Zwei unabhängige Taschenlampen erzeugen kein sichtbares Interferenzmuster, weil ihre Phasen zufällig und unkorreliert schwanken.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Beim Doppelspalt entsteht durch Überlagerung zweier Wellen ein Interferenzmuster aus hellen und dunklen Streifen
  • Konstruktive Interferenz (hell) tritt auf bei Δs=nλ\Delta s = n \cdot \lambda, destruktive (dunkel) bei Δs=(2n+1)λ2\Delta s = (2n+1) \cdot \frac{\lambda}{2}
  • Die Maxima-Bedingung dsin(α)=nλd \cdot \sin(\alpha) = n \cdot \lambda erlaubt die Bestimmung der Wellenlänge aus dem Interferenzmuster
  • Ein optisches Gitter mit vielen Spalten erzeugt schärfere Maxima und ermöglicht präzise Spektralanalyse
  • Das Michelson-Interferometer nutzt Interferenz zur Präzisionsmessung von Wegunterschieden im Nanometerbereich
  • Kohärenz — eine feste Phasenbeziehung zwischen den Wellen — ist die Voraussetzung für beobachtbare Interferenz

Quiz

1. Bei einem Doppelspaltexperiment wird die Wellenlänge des Lichts verdoppelt. Wie verändert sich der Abstand zwischen den Interferenzstreifen auf dem Schirm?

Aus a=λLda = \frac{\lambda \cdot L}{d} folgt, dass der Streifenabstand proportional zur Wellenlänge ist. Bei doppelter Wellenlänge verdoppelt sich auch der Abstand der Interferenzstreifen. Das Muster wird breiter.

2. Erkläre, warum ein Gitter mit 1000 Spalten pro Millimeter schärfere Maxima erzeugt als eines mit 100 Spalten pro Millimeter.

Bei mehr Spalten müssen mehr Wellen gleichzeitig konstruktiv interferieren. Schon eine kleine Abweichung vom exakten Winkel führt dazu, dass einige Wellen destruktiv interferieren und die Gesamtintensität sinkt. Nur bei exakt passendem Winkel addieren sich alle Wellen konstruktiv. Je mehr Spalte beitragen, desto schmaler und intensiver werden die Maxima.

3. Weißes Licht fällt auf ein Gitter. In welcher Reihenfolge erscheinen die Farben im Maximum erster Ordnung, von innen (kleiner Winkel) nach außen (großer Winkel)?

Aus sin(α)=λd\sin(\alpha) = \frac{\lambda}{d} folgt: Kleinere Wellenlänge ergibt kleineren Winkel. Also erscheint Violett (λ400  nm\lambda \approx 400\;\text{nm}) am nächsten zum Hauptmaximum und Rot (λ700  nm\lambda \approx 700\;\text{nm}) am weitesten außen. Die Reihenfolge von innen nach außen ist: violett, blau, grün, gelb, orange, rot.

4. Warum erzeugen zwei gewöhnliche Glühlampen kein sichtbares Interferenzmuster, obwohl beide Licht aussenden?

Zwei unabhängige Glühlampen sind nicht kohärent. Ihre Lichtwellen haben keine feste Phasenbeziehung zueinander — die Phase jeder Lampe schwankt zufällig und unabhängig in extrem kurzen Zeitabständen (ca. 108  s10^{-8}\;\text{s}). Dadurch wechselt das Interferenzmuster so schnell, dass es im zeitlichen Mittel zu einer gleichmäßigen Beleuchtung verschmiert. Für beobachtbare Interferenz müssen die Wellen aus derselben Quelle stammen (wie beim Doppelspalt) oder von einem Laser kommen.

Schlüsselwörter

interferenzbeugungdoppelspaltgittergangunterschiedinterferometerkohaerenz