Fortgeschritten Komplexaufgabe 20 Punkte ~35 Min. Natur & Technik

Michelson-Interferometer: Präzisionsmessung mit Licht

Aufgabenstellung

Ein Michelson-Interferometer besteht aus einer Lichtquelle (He-Ne-Laser, λ=632,8  nm\lambda = 632{,}8\;\text{nm}), einem halbdurchlässigen Strahlteiler und zwei Spiegeln S1S_1 und S2S_2. Am Ausgang werden die beiden Teilstrahlen überlagert und ein Interferenzmuster auf einem Detektor beobachtet.

  • (a) Beschreiben Sie den Strahlengang im Michelson-Interferometer und erklären Sie, wie das Interferenzmuster entsteht. (4 BE)
  • (b) Einer der Spiegel wird um die Strecke Δd\Delta d verschoben. Formulieren Sie die Bedingung dafür, dass am Detektor ein Wechsel von einem Maximum zum nächsten Maximum beobachtet wird. (4 BE)
  • (c) Beim Verschieben eines Spiegels werden N=1580N = 1580 Intensitätswechsel (hell-dunkel) gezählt. Berechnen Sie die Verschiebung Δd\Delta d des Spiegels. (4 BE)
  • (d) In einen Arm des Interferometers wird eine Glasplatte (Dicke t=1,0  mmt = 1{,}0\;\text{mm}, Brechungsindex n=1,50n = 1{,}50) eingebracht. Berechnen Sie die dadurch verursachte zusätzliche optische Weglänge und die Anzahl der beobachteten Intensitätswechsel. (4 BE)
  • (e) Erläutern Sie, wie das Prinzip des Michelson-Interferometers beim Gravitationswellendetektor LIGO genutzt wird. (4 BE)

Lösungsweg

Schritt 1: Strahlengang und Interferenzmuster (a)

Der Strahlengang im Michelson-Interferometer verläuft wie folgt:

  1. Der Laserstrahl trifft auf den Strahlteiler (halbdurchlässiger Spiegel), der unter 45°45° zur Strahlrichtung steht. Der Strahl wird in zwei Teilstrahlen aufgeteilt: Ein Teil wird reflektiert (Richtung Spiegel S1S_1), der andere wird transmittiert (Richtung Spiegel S2S_2).

  2. Beide Teilstrahlen laufen zu ihren jeweiligen Spiegeln, werden dort reflektiert und kehren zum Strahlteiler zurück.

  3. Am Strahlteiler werden die beiden zurückkehrenden Strahlen wieder vereinigt: Der von S1S_1 reflektierte Strahl wird transmittiert, der von S2S_2 reflektierte wird reflektiert. Beide verlassen den Strahlteiler in Richtung Detektor.

  4. Die beiden Teilstrahlen haben unterschiedliche optische Weglängen zurückgelegt. Ihre Überlagerung am Detektor führt zu Interferenz:

    • Konstruktive Interferenz (helles Maximum): wenn der Gangunterschied ein ganzzahliges Vielfaches der Wellenlänge beträgt (Δs=mλ\Delta s = m \cdot \lambda).
    • Destruktive Interferenz (Minimum): wenn der Gangunterschied ein ungerades Vielfaches der halben Wellenlänge beträgt (Δs=(m+12)λ\Delta s = (m + \frac{1}{2}) \cdot \lambda).

Strahlteiler → zwei Arme → Reflexion → U¨berlagerung → Interferenz durch Gangunterschied\boxed{\text{Strahlteiler → zwei Arme → Reflexion → Überlagerung → Interferenz durch Gangunterschied}}

Schritt 2: Bedingung für Maximum-zu-Maximum-Wechsel (b)

Wird ein Spiegel um die Strecke Δd\Delta d verschoben, ändert sich der optische Weg in diesem Arm um 2Δd2 \cdot \Delta d (Hin- und Rückweg).

Der Gangunterschied zwischen den beiden Teilstrahlen ändert sich also um:

Δs=2Δd\Delta s = 2 \cdot \Delta d

Für einen Wechsel von einem Maximum zum nächsten Maximum muss sich der Gangunterschied um genau eine Wellenlänge ändern:

Δs=λ\Delta s = \lambda

Daraus folgt die Bedingung:

2Δd=λΔd=λ22 \cdot \Delta d = \lambda \quad \Rightarrow \quad \Delta d = \frac{\lambda}{2}

Für den He-Ne-Laser:

Δd=632,8  nm2=316,4  nm0,316  μm\Delta d = \frac{632{,}8\;\text{nm}}{2} = 316{,}4\;\text{nm} \approx 0{,}316\;\mu\text{m}

Δd=λ2316,4  nm fu¨r einen Wechsel Maximum → Maximum\boxed{\Delta d = \frac{\lambda}{2} \approx 316{,}4\;\text{nm} \text{ für einen Wechsel Maximum → Maximum}}

Schritt 3: Verschiebung bei N=1580N = 1580 Intensitätswechseln (c)

Jeder Intensitätswechsel (hell → dunkel) entspricht einer Änderung des Gangunterschieds um λ2\frac{\lambda}{2}.

Ein vollständiger Zyklus (hell → dunkel → hell) entspricht N=2N = 2 Intensitätswechseln und einer Spiegelverschiebung um λ2\frac{\lambda}{2}.

Bei N=1580N = 1580 Intensitätswechseln (hell-dunkel) werden also N2=790\frac{N}{2} = 790 vollständige Zyklen durchlaufen, was einer Verschiebung um 790λ2790 \cdot \frac{\lambda}{2} entspricht.

Alternativ: Jeder einzelne Intensitätswechsel (hell → dunkel oder dunkel → hell) entspricht einer Verschiebung um λ4\frac{\lambda}{4}. Daher:

Δd=Nλ4=1580632,8109  m4\Delta d = N \cdot \frac{\lambda}{4} = 1580 \cdot \frac{632{,}8 \cdot 10^{-9}\;\text{m}}{4}

Δd=1580158,2109  m=2,500104  m\Delta d = 1580 \cdot 158{,}2 \cdot 10^{-9}\;\text{m} = 2{,}500 \cdot 10^{-4}\;\text{m}

Δd=0,250  mm=250,0  μm\boxed{\Delta d = 0{,}250\;\text{mm} = 250{,}0\;\mu\text{m}}

Schritt 4: Zusätzliche optische Weglänge durch Glasplatte (d)

Ohne Glasplatte legt das Licht die Strecke tt in Luft zurück (Brechungsindex nLuft1n_{\text{Luft}} \approx 1). Die optische Weglänge beträgt dann tt.

Mit Glasplatte (n=1,50n = 1{,}50) beträgt die optische Weglänge für dieselbe Strecke ntn \cdot t.

Die zusätzliche optische Weglänge ist (Hin- und Rückweg beachten, da das Licht die Platte zweimal durchläuft):

Δs=2(n1)t\Delta s = 2 \cdot (n - 1) \cdot t

Δs=2(1,501)1,0  mm=20,501,0  mm=1,0  mm\Delta s = 2 \cdot (1{,}50 - 1) \cdot 1{,}0\;\text{mm} = 2 \cdot 0{,}50 \cdot 1{,}0\;\text{mm} = 1{,}0\;\text{mm}

Die Anzahl der Intensitätswechsel (hell-dunkel-Wechsel) ergibt sich aus:

N=Δsλ2=2(n1)tλ2=4(n1)tλN = \frac{\Delta s}{\frac{\lambda}{2}} = \frac{2 \cdot (n-1) \cdot t}{\frac{\lambda}{2}} = \frac{4 \cdot (n-1) \cdot t}{\lambda}

N=40,501,0103  m632,8109  m=2,0103632,81093161N = \frac{4 \cdot 0{,}50 \cdot 1{,}0 \cdot 10^{-3}\;\text{m}}{632{,}8 \cdot 10^{-9}\;\text{m}} = \frac{2{,}0 \cdot 10^{-3}}{632{,}8 \cdot 10^{-9}} \approx 3161

Δs=1,0  mm;N3161 Intensita¨tswechsel\boxed{\Delta s = 1{,}0\;\text{mm};\quad N \approx 3161 \text{ Intensitätswechsel}}

Schritt 5: Michelson-Interferometer bei LIGO (e)

Der Gravitationswellendetektor LIGO (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory) nutzt das Prinzip des Michelson-Interferometers in großem Maßstab:

  1. Aufbau: LIGO besteht aus zwei senkrecht zueinander stehenden Armen von jeweils L=4  kmL = 4\;\text{km} Länge. An den Enden befinden sich hochreflektierende Spiegel. Ein Laser wird am Knotenpunkt durch einen Strahlteiler in die beiden Arme aufgeteilt.

  2. Messprinzip: Eine Gravitationswelle, die die Erde durchläuft, staucht den Raum in einer Richtung und streckt ihn in der senkrechten Richtung. Dadurch ändern sich die Armlängen minimal (ΔL1018  m\Delta L \sim 10^{-18}\;\text{m}, kleiner als ein Protonendurchmesser).

  3. Detektion: Die winzige Längenänderung führt zu einer Verschiebung des Gangunterschieds zwischen den beiden Teilstrahlen. Am Detektor ändert sich das Interferenzmuster — es kommt zu messbaren Intensitätsschwankungen.

  4. Empfindlichkeit: Durch den Einsatz von Fabry-Pérot-Resonatoren (das Licht wird in jedem Arm vielfach hin und her reflektiert) wird der effektive Lichtweg auf über 1000  km1000\;\text{km} verlängert. So können relative Längenänderungen von ΔLL1021\frac{\Delta L}{L} \sim 10^{-21} nachgewiesen werden.

  5. Erster Nachweis: Am 14. September 2015 gelang mit LIGO der erste direkte Nachweis von Gravitationswellen — erzeugt durch die Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher.

LIGO: 4-km-Arme, Gravitationswellen a¨ndern Armla¨ngen → Interferenzmuster-Verschiebung\boxed{\text{LIGO: 4-km-Arme, Gravitationswellen ändern Armlängen → Interferenzmuster-Verschiebung}}

Ergebnis

FrageAntwort
StrahlengangStrahlteiler → zwei Arme → Reflexion → Überlagerung
Bedingung Maximum → MaximumΔd=λ2316,4  nm\Delta d = \frac{\lambda}{2} \approx 316{,}4\;\text{nm}
Verschiebung bei 1580 WechselnΔd=250,0  μm\Delta d = 250{,}0\;\mu\text{m}
Optische Weglänge (Glasplatte)Δs=1,0  mm\Delta s = 1{,}0\;\text{mm}; N3161N \approx 3161 Wechsel
LIGO-PrinzipGravitationswellen ändern 4-km-Armlängen → Interferenz

Schlagwörter

interferometermichelsonwellenoptikgravitationswellenligo