Mittelstufe ~15 Min. Natur & Technik

Fallgesetze - Wie Dinge fallen

Lernziele

  • den freien Fall als gleichmäßig beschleunigte Bewegung verstehen
  • berechnen, wie schnell und wie weit ein Objekt fällt
  • den Einfluss von Luftwiderstand einschätzen können

Einführung

Du lässt dein Handy fallen - und in dem Bruchteil einer Sekunde, bevor es auf dem Boden aufschlägt, fragst du dich vielleicht nicht: „Wie schnell fällt es eigentlich gerade?” Aber genau das ist eine der Fragen, die die Physik seit Jahrhunderten beschäftigt.

Wie schnell werden Dinge, wenn sie fallen? Wie weit fallen sie in einer bestimmten Zeit? Und warum fällt ein Stein schneller als eine Feder - oder doch nicht? Die Fallgesetze geben darauf präzise Antworten.

Grundidee

Stell dir vor, du lässt gleichzeitig eine Bowlingkugel und einen Tischtennisball aus dem Fenster fallen. Was landet zuerst?

Deine Intuition sagt wahrscheinlich: die Bowlingkugel. Und im Alltag stimmt das meistens auch - der Tischtennisball wird stärker von der Luft gebremst. Aber was wäre, wenn es keine Luft gäbe?

Dann würden beide exakt gleichzeitig auf dem Boden aufkommen. Kein Unterschied. Egal wie schwer, egal wie groß.

Im freien Fall - ohne Luftwiderstand - fallen alle Körper gleich schnell. Das ist die zentrale Erkenntnis der Fallgesetze, und sie war eine Revolution im Denken über die Natur.

Erklärung

Galileis Gedankenexperiment

Vor Galileo Galilei (um 1600) glaubte man über 2000 Jahre lang, schwere Dinge fallen schneller - das hatte Aristoteles behauptet. Galilei widerlegte das mit einem genialen Gedankenexperiment:

Stell dir vor, ein schwerer Stein fällt schneller als ein leichter. Jetzt bindest du beide mit einem Seil zusammen. Was passiert? Der leichte Stein müsste den schweren bremsen (weil er „langsamer fallen will”) - also müsste das Paar langsamer fallen als der schwere Stein allein. Aber gleichzeitig ist das Paar zusammen schwerer als der schwere Stein allein - also müsste es schneller fallen. Ein Widerspruch! Also muss die Annahme falsch sein: Alle Körper fallen gleich schnell.

Freier Fall: gleichmäßig beschleunigt

Im freien Fall (ohne Luftwiderstand) wird ein Körper jede Sekunde um g = 9,81 m/s schneller. Das nennt man eine gleichmäßig beschleunigte Bewegung. Die Geschwindigkeit nimmt gleichmäßig zu:

v=gtv = g \cdot t

  • Nach 1 Sekunde: v=9,81  m/sv = 9{,}81\;\text{m/s} (ca. 35 km/h)
  • Nach 2 Sekunden: v=19,62  m/sv = 19{,}62\;\text{m/s} (ca. 71 km/h)
  • Nach 3 Sekunden: v=29,43  m/sv = 29{,}43\;\text{m/s} (ca. 106 km/h)

Das geht schnell! Schon nach 3 Sekunden bist du schneller als ein Auto in der Stadt.

Wie weit fällt ein Körper?

Die Fallstrecke berechnet sich mit:

s=12gt2s = \tfrac{1}{2} \cdot g \cdot t^2

  • Nach 1 Sekunde: s = ½ × 9,81 × 1² = 4,9 m
  • Nach 2 Sekunden: s = ½ × 9,81 × 4 = 19,6 m
  • Nach 3 Sekunden: s = ½ × 9,81 × 9 = 44,1 m

Beachte: In der ersten Sekunde fällt der Körper knapp 5 Meter. In der dritten Sekunde allein aber schon fast 25 Meter dazu. Je länger etwas fällt, desto mehr Strecke legt es pro Sekunde zurück - weil es immer schneller wird.

Luftwiderstand: Warum eine Feder trotzdem langsamer fällt

Im echten Leben gibt es Luft, und Luft bremst. Der Luftwiderstand hängt ab von:

  • der Geschwindigkeit des Objekts (je schneller, desto mehr Widerstand)
  • der Fläche (je größer, desto mehr Widerstand)
  • der Form (ein Fallschirm bremst mehr als eine Kugel)

Eine Feder hat im Verhältnis zu ihrem Gewicht eine riesige Fläche - deshalb wird sie stark gebremst. Ein Stein hat viel Masse auf wenig Fläche - der Luftwiderstand fällt kaum ins Gewicht.

Endgeschwindigkeit beim Fallen

Wenn der Luftwiderstand genauso groß wird wie die Gewichtskraft, hört die Beschleunigung auf. Der Körper fällt dann mit konstanter Geschwindigkeit weiter - der Endgeschwindigkeit (Terminalgeschwindigkeit).

Beispiele:

  • Fallschirmspringer (ohne Schirm): ca. 200 km/h
  • Fallschirmspringer (mit Schirm): ca. 20 km/h
  • Regentropfen: ca. 25 km/h
  • Staubkorn: wenige cm/s

Ohne Luftwiderstand gäbe es keine Endgeschwindigkeit - ein Fallschirmspringer würde einfach immer schneller werden.

Der Beweis: Hammer und Feder auf dem Mond

1971 ließ Astronaut David Scott auf dem Mond einen Hammer und eine Feder gleichzeitig los. Weil der Mond keine Atmosphäre hat, fielen beide exakt gleich schnell und trafen gleichzeitig den Boden auf. Galileis Gedankenexperiment war damit experimentell bestätigt - auf einem anderen Himmelskörper.

Beispiel aus dem Alltag

Wie lange dauert es, bis dein Handy auf dem Boden aufschlägt?

Stell dir vor, du hältst dein Handy in 1,5 m Höhe und es rutscht dir aus der Hand.

Wir nutzen die Formel s=12gt2s = \tfrac{1}{2} \cdot g \cdot t^2 und lösen nach tt auf: t=2s/gt = \sqrt{2s / g}

t = √(2 × 1,5 / 9,81) = √(0,306) ≈ 0,55 Sekunden

Die Aufprallgeschwindigkeit: v=gt=9,81×0,555,4  m/sv = g \cdot t = 9{,}81 \times 0{,}55 \approx 5{,}4\;\text{m/s} (ca. 19 km/h)

Dein Handy schlägt also mit fast 20 km/h auf. Kein Wunder, dass Displays brechen. Und das bei nur 1,5 Metern Fallhöhe - der Luftwiderstand spielt hier praktisch keine Rolle, weil die Strecke so kurz ist.

Anwendung

Aufgabe: Fallzeiten berechnen

Frage 1: Ein Stein fällt von einer 80 m hohen Klippe. Wie lange braucht er bis zum Boden? (Luftwiderstand vernachlässigen)

Antwort: t = √(2s / g) = √(2 × 80 / 9,81) = √(16,31) ≈ 4,04 Sekunden.

Frage 2: Wie schnell ist der Stein beim Aufprall?

Antwort: v=gt=9,81×4,0439,6  m/s143  km/hv = g \cdot t = 9{,}81 \times 4{,}04 \approx 39{,}6\;\text{m/s} \approx 143\;\text{km/h}.

Frage 3: Warum würde ein Blatt Papier von derselben Klippe deutlich länger brauchen?

Antwort: Das Blatt hat eine große Fläche im Verhältnis zu seiner geringen Masse. Der Luftwiderstand bremst es stark ab. Knüllt man das Papier zu einer Kugel zusammen (kleinere Fläche), fällt es schon deutlich schneller.

Typische Fehler

Viele denken: Schwere Gegenstände fallen schneller als leichte.

Richtig ist: Ohne Luftwiderstand fallen alle Körper gleich schnell. Im Alltag fallen manche Dinge langsamer, aber das liegt am Luftwiderstand, nicht an der Schwerkraft.

Weiterer Fehler: Ein fallender Körper hat eine konstante Geschwindigkeit.

Richtig ist: Im freien Fall wird der Körper ständig schneller - er beschleunigt mit g = 9,81 m/s². Erst wenn der Luftwiderstand die Gewichtskraft ausgleicht, wird die Geschwindigkeit konstant (Endgeschwindigkeit).

Dritter Fehler: Die Formel s=12gt2s = \tfrac{1}{2} \cdot g \cdot t^2 gilt immer.

Richtig ist: Sie gilt nur für den freien Fall ohne Luftwiderstand und nur, wenn der Körper aus der Ruhe startet (Anfangsgeschwindigkeit = 0). In der Realität verlangsamt der Luftwiderstand den Fall, besonders bei leichten oder großflächigen Objekten.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Ohne Luftwiderstand fallen alle Körper gleich schnell - unabhängig von ihrer Masse
  • Im freien Fall beschleunigt ein Körper gleichmäßig mit g = 9,81 m/s²
  • Geschwindigkeit im Fall: v=gtv = g \cdot t; Fallstrecke: s=12gt2s = \tfrac{1}{2} \cdot g \cdot t^2
  • Luftwiderstand hängt von Geschwindigkeit, Fläche und Form ab
  • Bei genug Fallstrecke erreicht jeder Körper eine Endgeschwindigkeit, wenn Luftwiderstand und Gewichtskraft gleich groß sind
  • Die Fallgesetze gelten exakt nur im Vakuum - auf dem Mond wurden sie eindrucksvoll bestätigt

Schlüsselwörter

freier-fallfallbeschleunigungluftwiderstandgalileifallzeit