Gerechtigkeit ist nicht Gleichheit
Warum 'Alle gleich behandeln' manchmal ungerecht ist — Chancengleichheit vs. Ergebnisgleichheit, Privilegien erkennen und die schwierigste Frage: Was wäre wirklich fair?
KI-Kontext
Die Aufgaben verlangen persönliche Positionierung und die Fähigkeit, verschiedene Gerechtigkeitskonzepte auf reale Situationen anzuwenden. KI kann Theorien erklären, aber nicht urteilen, was in einer konkreten Situation 'gerecht' ist. Das ist menschliche Urteilskraft.
Geförderte Kompetenzen
- Verschiedene Gerechtigkeitskonzepte unterscheiden und anwenden
- Eigene Privilegien und Benachteiligungen reflektieren
- Zwischen Gleichbehandlung und Gleichstellung differenzieren
- Fairness-Dilemmata als solche erkennen
- Komplexe gesellschaftliche Fragen differenziert bewerten
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Dieses Aufgabenblatt steht als druckfertiges PDF zur Verfügung.
Überblick für Lehrkräfte
„Das ist unfair!” — einer der häufigsten Sätze im Schulalltag. Aber was ist eigentlich „fair”? Dieses Material zeigt, dass Gerechtigkeit komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick aussieht — und dass verschiedene Vorstellungen von Fairness gleichzeitig berechtigt sein können.
Didaktischer Ansatz
Kein „So ist es richtig”, sondern: Verschiedene Perspektiven kennenlernen, Spannungen aushalten, eigene Position entwickeln. Das Material ist bewusst unbequem — für alle politischen Richtungen.
Aufgabenstruktur
Aufgabe 1: Das Konzert-Dilemma
Drei Personen stehen hinter einem Zaun und versuchen, ein Konzert zu sehen:
- Person A ist 1,90 m gross
- Person B ist 1,60 m gross
- Person C sitzt im Rollstuhl
Du hast drei Kisten zum Draufstellen.
Gleichbehandlung: Jeder bekommt eine Kiste. → A sieht super, B gerade so, C gar nicht. Bedarfsgerechtigkeit: C bekommt zwei Kisten, B eine, A keine. → Alle sehen gleich gut. Systemische Lösung: Den Zaun durch einen Drahtzaun ersetzen. → Alle sehen, keine Kisten nötig.
Fragen:
- Welche Lösung ist „am gerechtesten”? Warum?
- Ist es ungerecht gegenüber A, keine Kiste zu bekommen?
- Was ist der „Zaun” in der echten Welt?
Aufgabe 2: Der Rawls-Test — Was wäre, wenn du nicht wüsstest, wer du bist?
Der Philosoph John Rawls fragte: Stell dir vor, du entwirfst eine Gesellschaft, aber du weisst nicht, welche Position du darin einnehmen wirst. Du könntest reich oder arm sein, gesund oder krank, Mann oder Frau, aus der Mehrheit oder einer Minderheit.
Die Aufgabe: Entwirf 5 Regeln für diese Gesellschaft. Aber bedenke: Du weisst nicht, ob du auf der Gewinner- oder Verliererseite landest.
Reflexion: Wie unterscheiden sich deine Regeln von den Regeln, die du machen würdest, wenn du wüsstest, dass du privilegiert bist?
Aufgabe 3: Leistung und Verdienst — Die Meritokratie-Falle
„Wer hart arbeitet, hat Erfolg” — stimmt das?
Drei Biografien (reale Beispiele, anonymisiert):
- Person 1: Studierte Medizin, Eltern sind Ärzte, Privatschule, Nachhilfe bei Bedarf, Auslandssemester finanziert
- Person 2: Studierte Medizin, Eltern ohne Studium, musste nebenbei arbeiten, kein Auslandssemester möglich
- Person 3: Wollte Medizin studieren, Numerus Clausus nicht geschafft, musste mit 16 zum Familienunterhalt beitragen
Alle drei sind intelligent und fleissig.
Fragen:
- Ist es gerecht, dass Person 1 Ärztin wird und Person 3 nicht?
- Was ist „Leistung”, wenn die Startbedingungen unterschiedlich sind?
- Heisst das, Person 1 hat ihren Erfolg nicht verdient?
- Was müsste sich ändern, damit alle drei die gleiche Chance haben?
Aufgabe 4: Gerechtigkeitskonflikte in deinem Alltag
Fünf Situationen aus dem Schulalltag — Schüler wägen ab:
- Nachteilsausgleich: Ein Mitschüler mit Legasthenie bekommt 30% mehr Zeit bei Klausuren. Fair?
- Notenpunkte: Zwei Schüler schreiben die gleiche Note. Einer hat dafür 20 Stunden gelernt, der andere 2 Stunden. Gleiche Leistung?
- Stipendium: Soll es an den Besten gehen oder an den, der es am meisten braucht?
- Teamarbeit: Einer macht die ganze Arbeit, alle bekommen die gleiche Note. Gerecht?
- Schulplatz: Eine Schule hat 100 Plätze und 200 Bewerber. Nach welchen Kriterien auswählen?
Für jede Situation: Welches Gerechtigkeitskonzept würdest du anwenden — und warum?
Aufgabe 5: Deine Definition
Abschluss: Formuliere in 3–5 Sätzen, was „gerecht” für dich bedeutet. Nicht, was du glaubst, sagen zu sollen — sondern was du wirklich denkst.
Dann: Tausche mit einem Partner und besprecht die Unterschiede. Die gibt es garantiert.
Einsatzmöglichkeiten
- Doppelstunde: Aufgaben 1–2 als Einstieg, Aufgabe 4 als Vertiefung
- Projekttag: Alle 5 Aufgaben als Stationenlernen
- Fächerübergreifend: Aufgabe 2 in Philosophie, Aufgabe 3 in Politik, Aufgabe 4 in Ethik