Fortgeschritten Komplexaufgabe 20 Punkte ~60 Min. Sprache & Kommunikation

Gedichtvergleich — Aufbruch in Romantik und Moderne: Berghaus und Schreiber

Aufgabenstellung

Textvorlage

Text 1

Johann Berghaus, „Morgenwanderung” (1824)

Der Morgen ruft! Die Lerche steigt, Und jeder Zweig sich freudig neigt. Ich schnür den Ranzen, tret hinaus, Die Welt ist weit, die Welt ist Haus.

Die Straße glänzt vom frühen Tau, Ich wander froh durch Feld und Au. Was hinter liegt, lass ich geschwind — Ich gehe, wohin die Wege sind.

Und wo sie enden, fängt es an, Das Land, das keiner messen kann.

Text 2

Lina Schreiber, „Abfahrt” (1962)

Der Koffer steht seit Tagen neben der Tür. Ich habe die Schlüssel auf den Tisch gelegt, sorgfältig, als bedeute es etwas.

Draußen fährt ein Zug. Vielleicht ist es meiner. Ich stehe am Fenster und zähle die Wagen, die ich nicht nehmen werde oder doch.

Aufgaben

(a) Interpretieren Sie das Gedicht von Berghaus. (8 BE)

(b) Vergleichen Sie beide Gedichte hinsichtlich des Motivs „Aufbruch”. Berücksichtigen Sie dabei inhaltliche, formale und sprachliche Aspekte. (12 BE)

Lösungsweg

Schritt 1: Einleitungssatz und Inhaltsanalyse — Berghaus (a — Teil 1)

Einleitungssatz: Das Gedicht „Morgenwanderung” von Johann Berghaus aus dem Jahr 1824 schildert den freudigen Aufbruch eines Wanderers in die Natur am frühen Morgen und feiert die unbegrenzte Weite der Welt als Versprechen von Freiheit und Abenteuer.

Inhaltsanalyse strophenweise:

Strophe 1 (V. 1–4): Der Morgen wird personifiziert — er „ruft” den Wanderer. Die Natur begrüßt ihn: Die Lerche steigt auf, die Zweige neigen sich „freudig”. Der Wanderer schnürt den Ranzen und tritt hinaus. Der Schlussvers verdichtet das Lebensgefühl: „Die Welt ist weit, die Welt ist Haus” — die gesamte Welt wird zur Heimat, die Ferne ist kein Fremdes, sondern ein Zuhause.

Strophe 2 (V. 5–8): Die Wanderung beginnt. Die taubenetzte Straße glänzt, der Wanderer durchquert froh Feld und Au. Er lässt die Vergangenheit hinter sich („Was hinter liegt, lass ich geschwind”). Sein Ziel ist nicht festgelegt — er geht, wohin die Wege führen. Das Unterwegssein selbst ist das Ziel.

Schlussstrophe (V. 9–10): Wo die Wege enden, beginnt „das Land, das keiner messen kann” — ein utopisches Land der Unendlichkeit, das jenseits des Messbaren und Begrenzten liegt. Die Verse öffnen den Raum ins Grenzenlose und erheben den Aufbruch zum metaphysischen Akt.

Schritt 2: Formanalyse und sprachliche Mittel — Berghaus (a — Teil 2)

Formale Gestaltung:

  • Strophenform: Zwei Vierzeiler und ein abschließender Zweizeiler (Couplet). Die Verknappung am Schluss wirkt wie eine Pointe, die den Gedanken auf den Punkt bringt.
  • Metrum: Vierhebiger Jambus mit überwiegend männlicher Kadenz. Der regelmäßige, beschwingte Rhythmus bildet den heiteren Schritt des Wanderers ab.
  • Reimschema: Paarreim (aa bb) durchgängig. Der Paarreim erzeugt eine volksliedhafte Geschlossenheit und unterstreicht die Leichtigkeit und Ungebrochenheit des Aufbruchs.

Sprachliche Mittel:

  • Personifikation: „Der Morgen ruft” (V. 1), „jeder Zweig sich freudig neigt” (V. 2) — Die Natur wird zum Verbündeten, der den Aufbruch ermutigt.
  • Parallelismus: „Die Welt ist weit, die Welt ist Haus” (V. 4) — Die Wiederholung von „Die Welt ist” verbindet Weite und Geborgenheit und hebt den paradoxen Grundgedanken hervor.
  • Hyperbel/Metapher: „Das Land, das keiner messen kann” (V. 10) — Die Unermesslichkeit des Ziels steht für die unbegrenzte Möglichkeit, die der Aufbruch eröffnet.
  • Alliteration: „Feld und Au”, „Welt ist weit, die Welt” — Klangliche Bindungen verstärken die Harmonie und Musikalität des Textes.

Deutung: Der Aufbruch wird als reines Glücksversprechen dargestellt. Es gibt keine Trauer über das Zurückgelassene, keinen Zweifel am Weg. Die Welt ist offen, freundlich und bewohnbar. Diese ungebrochene Zuversicht ist Ausdruck eines romantischen Weltvertrauens, in dem Mensch und Natur in Einklang stehen.

Schritt 3: Interpretation — Schreiber (b — Vorbereitung)

Inhaltsanalyse:

Strophe 1 (V. 1–5): Der Koffer steht „seit Tagen” neben der Tür — der Aufbruch ist vorbereitet, aber nicht vollzogen. Die Schlüssel liegen „sorgfältig” auf dem Tisch, „als bedeute es etwas”. Der Konjunktiv „als bedeute” signalisiert Unsicherheit: Ob die Handlung tatsächlich Bedeutung hat, ist fraglich. Die Strophe zeigt einen Menschen im Zustand des Zögerns.

Strophe 2 (V. 6–11): Draußen fährt ein Zug — „Vielleicht ist es meiner.” Das lyrische Ich steht am Fenster und zählt die Wagen. Der Schluss ist radikal ambivalent: „die ich nicht nehmen werde / oder doch.” Die Unentschiedenheit bleibt bis zum letzten Wort bestehen. Der Aufbruch wird weder vollzogen noch verweigert — er bleibt in der Schwebe.

Formale Gestaltung:

  • Strophenform: Zwei Strophen ungleicher Länge (5 und 6 Verse), keine feste Verszahl. Die asymmetrische Form spiegelt die innere Unruhe.
  • Metrum: Kein regelmäßiges Versmaß. Prosaische, teils sehr kurze Verse (V. 2: „neben der Tür”) wechseln mit längeren. Der unregelmäßige Rhythmus erzeugt Stocken und Zögern.
  • Reimschema: Reimlos. Der Verzicht auf klangliche Bindung unterstreicht die Offenheit und Ungelöstheit der Situation.

Sprachliche Mittel:

  • Understatement: „als bedeute es etwas” (V. 5) — Die bewusste Abschwächung verrät gerade durch ihre Beiläufigkeit die emotionale Aufladung der Handlung.
  • Irreal / Konjunktiv: „als bedeute”, „Vielleicht” — Modalwörter und Konjunktive durchziehen das Gedicht und erzeugen eine Atmosphäre des Irrealen, des Noch-nicht-Entschiedenen.
  • Enjambement: V. 10/11 „die ich nicht nehmen werde / oder doch” — Das Enjambement isoliert das „oder doch” und gibt ihm maximales Gewicht. Der Zeilenbruch bildet das Kippen zwischen zwei Entscheidungen ab.
  • Knappe, nüchterne Syntax: Kurze Hauptsätze, keine Adjektive, keine Bilder der Begeisterung. Die Sprache ist funktional, beinahe protokollarisch.

Schritt 4: Vergleich beider Gedichte — Motiv Aufbruch (b)

Inhaltlicher Vergleich:

Beide Gedichte behandeln das Motiv des Aufbruchs, doch sie gestalten es grundlegend verschieden.

Bei Berghaus ist der Aufbruch ein freudiger Akt: Der Wanderer tritt hinaus, die Natur empfängt ihn, die Welt steht offen. Es gibt keine Ambivalenz, keinen Rückblick, kein Zögern. Der Aufbruch ist identisch mit Befreiung. Das Zurückgelassene wird „geschwind” abgetan (V. 7), das Ziel ist die grenzenlose Ferne.

Bei Schreiber ist der Aufbruch ein blockierter Prozess: Der Koffer ist gepackt, die Schlüssel liegen bereit, doch das lyrische Ich verharrt. Der Zug fährt draußen, doch es bleibt am Fenster. Der Aufbruch wird nicht als Befreiung erlebt, sondern als schwierige Entscheidung, die bis zum letzten Vers ungelöst bleibt. Das Verlassen eines Ortes ist hier mit Verlust, Unsicherheit und Selbstzweifel verbunden.

Formaler Vergleich:

AspektBerghaus (1824)Schreiber (1962)
MetrumRegelmäßiger vierhebiger JambusFreier Vers, kein Metrum
ReimPaarreim (aa bb)Reimlos
StrophenSymmetrisch (4-4-2)Asymmetrisch (5-6)
RhythmusBeschwingt, gleichmäßigStockend, unregelmäßig
TonHeiter, volksliedhaftNüchtern, verhalten

Die formalen Unterschiede sind nicht zufällig, sondern bedeutungstragend: Berghaus’ regelmäßige Form drückt die Harmonie und Selbstgewissheit des Wanderers aus. Schreibers freie, gebrochene Form bildet die innere Zerrissenheit ab. Die Form korrespondiert in beiden Fällen mit dem Inhalt.

Sprachlicher Vergleich:

Berghaus verwendet eine bildreiche, emotional aufgeladene Sprache: Personifikationen (der rufende Morgen, die freudig sich neigenden Zweige), Parallelismen, Alliterationen. Die Sprache ist musikalisch und feiert den Aufbruch.

Schreiber verwendet eine reduzierte, nüchterne Sprache: keine Naturbilder, keine Metaphern, keine Ausrufe. Die Sprache registriert Gegenstände (Koffer, Schlüssel, Tisch, Tür, Zug) und Handlungen in sachlicher Distanz. Gerade diese Kargheit macht die emotionale Unterströmung spürbar — das Ungesagte ist stärker als das Gesagte.

Epochaler Kontext des Vergleichs:

Der Unterschied zwischen beiden Gedichten spiegelt einen tiefgreifenden Wandel der Welterfahrung und des Menschenbildes wider.

Berghaus’ Gedicht steht in der Tradition der Romantik: Der Mensch ist eingebettet in eine beseelte, wohlwollende Natur. Der Aufbruch in die Ferne ist ein Akt der Selbstverwirklichung, das Unterwegssein eine Form des Glücks. Das Ich ist ungeteilt, der Wille ist klar.

Schreibers Gedicht gehört zur Lyrik der Moderne (Nachkriegszeit / frühe 1960er): Das Subjekt ist unsicher, gespalten, handlungsgehemmt. Die Natur als Sinngebungsinstanz ist abwesend — es gibt nur Innenräume und einen Zug. Der Aufbruch ist nicht mehr selbstverständlich, weil das Ziel nicht mehr verheißungsvoll, sondern ungewiss ist. Die Erfahrung zweier Weltkriege und die existenzialistische Philosophie haben das Vertrauen in die Welt und in die eigene Handlungsfähigkeit grundlegend erschüttert.

Schritt 5: Zusammenführende Deutung (b — Abschluss)

Der Vergleich beider Gedichte zeigt, wie das Motiv des Aufbruchs in verschiedenen Epochen unterschiedlich gefüllt wird. Bei Berghaus ist Aufbruch Befreiung, bei Schreiber ist er Verunsicherung. Der entscheidende Unterschied liegt im Verhältnis des lyrischen Ichs zur Welt: Berghaus’ Wanderer vertraut der Welt — sie ist „Haus”. Schreibers lyrisches Ich misstraut sogar sich selbst — es weiß nicht, ob es den Zug nehmen wird.

Beide Gedichte sind in ihrer jeweiligen Weise überzeugend: Berghaus’ Gedicht gewinnt seine Kraft aus der Entschiedenheit und der musikalischen Geschlossenheit. Schreibers Gedicht gewinnt seine Kraft aus der Offenheit und der radikalen Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Zögern. Zusammen bilden sie einen literaturgeschichtlichen Bogen, der die Frage stellt: Was bedeutet es, aufzubrechen, wenn man nicht mehr weiß, wohin?

Ergebnis

FrageAntwort
Thema BerghausFreudiger Aufbruch in die offene Natur als romantische Selbstbefreiung
Thema SchreiberBlockierter, ambivalenter Aufbruch als moderne Erfahrung der Unentschiedenheit
Form BerghausVierhebiger Jambus, Paarreim, symmetrisch — Harmonie und Zuversicht
Form SchreiberFreier Vers, reimlos, asymmetrisch — Stocken und innere Zerrissenheit
Sprache BerghausNaturbilder, Personifikation, Parallelismus, musikalisch
Sprache SchreiberSachlich, karg, Understatement, prosaisch, Konjunktiv
Zentraler UnterschiedAufbruch als Befreiung (Romantik) vs. Aufbruch als ungelöste Entscheidung (Moderne)
Epochaler KontextRomantisches Weltvertrauen vs. modernes Subjekt nach der Krise der Sinngebung

Schlagwörter

gedichtvergleichaufbruchromantikmodernelyrik