Gedichtanalyse — Reimschema und Strophenform: Johann Bergfeld, 'Herbstabend'
Aufgabenstellung
Textvorlage
Johann Bergfeld, „Herbstabend” (1803)
Die Sonne sinkt, der Tag entweicht, ein letztes Gold auf Wipfeln liegt. Der Abend kommt, die Luft wird leicht, ein Vogel noch zum Neste fliegt.
Es ruht das Feld, es schweigt der Wald, die Ähren neigen sich zur Nacht. Der erste Stern am Himmel strahlt, als hätt’ die Welt sich still bedacht.
So kehrt ein jeder Tag zur Ruh, und was am Morgen wild begann, schließt abends sanft die Augen zu und fängt am nächsten Tag neu an.
Aufgaben
(a) Bestimmen Sie das Reimschema und die Kadenzen des Gedichts. (3 BE)
(b) Beschreiben Sie den Zusammenhang zwischen Strophenaufbau und inhaltlicher Gliederung. (3 BE)
(c) Erklären Sie, welche Wirkung das Reimschema und die Regelmäßigkeit der Form auf die Gesamtaussage des Gedichts haben. (2 BE)
Lösungsweg
Schritt 1: Reimschema und Kadenzen (a)
Reimschema:
Strophe 1: entweicht (a) / liegt (b) / leicht (a) / fliegt (b) → abab (Kreuzreim) Strophe 2: Wald (a) / Nacht (b) / strahlt (a) / bedacht (b) → abab (Kreuzreim) Strophe 3: Ruh (a) / begann (b) / zu (a) / an (b) → abab (Kreuzreim)
Das Gedicht verwendet durchgehend den Kreuzreim (abab) in allen drei Strophen. Das Schema ist vollständig regelmäßig — es gibt keine Abweichungen oder unreinen Reime.
Kadenzen:
| Vers | Endung | Kadenz |
|---|---|---|
| V. 1: „entweicht” | betont | männlich |
| V. 2: „liegt” | betont | männlich |
| V. 3: „leicht” | betont | männlich |
| V. 4: „fliegt” | betont | männlich |
Alle Verse enden mit männlicher Kadenz (betonte Endsilbe). Dies gilt durchgehend für das gesamte Gedicht. Die männlichen Kadenzen erzeugen einen ruhigen, abgeschlossenen Klang — jeder Vers endet bestimmt und klar, ohne nachzuklingen.
Schritt 2: Strophenaufbau und inhaltliche Gliederung (b)
Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je vier Versen (Quartette). Die drei Strophen entsprechen drei inhaltlichen Stufen:
Strophe 1 — Beobachtung des Übergangs: Das lyrische Ich beschreibt den konkreten Moment des Tagesübergangs: Die Sonne sinkt, Gold liegt auf den Bäumen, ein Vogel fliegt zum Nest. Alles ist sinnlich wahrnehmbar — Farben, Bewegungen, Licht. Die Strophe bleibt bei der äußeren Beobachtung.
Strophe 2 — Vertiefung und Stille: Die Beobachtung wird ruhiger und abstrakter: Feld und Wald schweigen, Ähren neigen sich, ein Stern erscheint. Der Vergleich „als hätt’ die Welt sich still bedacht” (V. 8) markiert den Übergang von der Beobachtung zur Reflexion — die Natur wird zur denkenden Instanz.
Strophe 3 — Verallgemeinerung: Das lyrische Ich zieht eine allgemeine Erkenntnis: Jeder Tag kehrt zur Ruhe, und was wild begann, endet sanft. Die Strophe löst sich vom konkreten Herbstabend und formuliert eine Lebensweisheit über den Kreislauf von Anfang und Ende.
Zusammenhang: Der Dreischritt Beobachtung → Vertiefung → Erkenntnis folgt einer klassischen Gedankenentwicklung. Jede Strophe baut auf der vorherigen auf und erweitert den Blick: vom Konkreten zum Allgemeinen, vom Sehen zum Denken.
Schritt 3: Wirkung von Reimschema und Regelmäßigkeit (c)
Die durchgängige Regelmäßigkeit des Gedichts — gleiches Reimschema, gleiche Verslänge, gleiche Kadenzen, gleiche Strophenlänge — erzeugt eine Wirkung, die direkt die Aussage des Gedichts trägt:
1. Der Kreuzreim verbindet, ohne einzuengen. Anders als der Paarreim (aabb), der Verse eng aneinanderbindet, verknüpft der Kreuzreim Verse über Distanz: Vers 1 reimt sich auf Vers 3, Vers 2 auf Vers 4. Diese Struktur erzeugt ein Spannungsverhältnis: Der Leser erwartet den Reim, bekommt ihn aber erst nach einer Zeile — das hält die Aufmerksamkeit und erzeugt ein Gefühl von geordneter Bewegung, wie das gleichmäßige Schwingen eines Pendels.
2. Die Regelmäßigkeit bildet den Kreislauf ab. Das Gedicht beschreibt einen natürlichen Zyklus: Tag wird Nacht, die am nächsten Tag neu beginnt. Die metrische und strophische Regelmäßigkeit ist dieser Kreislauf in der Form. Nichts bricht aus, nichts stört — so wie der Abend zuverlässig auf den Tag folgt, folgt ein Kreuzreim auf den nächsten. Die Form vermittelt: Die Ordnung der Natur ist verlässlich.
3. Die männlichen Kadenzen erzeugen Ruhe. Jeder Vers endet auf einer betonten Silbe — das wirkt wie ein sanftes Ausatmen, ein ruhiges Punkt-Setzen. Für ein Gedicht über den Abend und das Zur-Ruhe-Kommen ist diese Kadenzwahl ideal: Sie schließt ab, ohne hart zu sein.
Ergebnis
| Aspekt | Befund |
|---|---|
| Reimschema | Durchgehend Kreuzreim (abab) — regelmäßig, verbindend, geordnet |
| Kadenzen | Durchgehend männlich — abgeschlossen, ruhig, bestimmt |
| Strophenaufbau | 3 × 4 Verse: Beobachtung → Vertiefung → Verallgemeinerung |
| Form-Inhalt-Zusammenspiel | Regelmäßigkeit der Form bildet den natürlichen Kreislauf ab; Kreuzreim = geordnete Bewegung; männliche Kadenzen = Ruhe |