Fortgeschritten Komplexaufgabe 20 Punkte ~35 Min. Natur & Technik

Spektralanalyse von Sternen: Fraunhofer-Linien und Rotverschiebung

Aufgabenstellung

Das Licht eines Sterns wird mit einem Spektrographen analysiert. Im kontinuierlichen Spektrum sind dunkle Absorptionslinien (Fraunhofer-Linien) bei bestimmten Wellenlängen sichtbar.

  • (a) Erklären Sie, wie die Fraunhofer-Linien im Sonnenspektrum entstehen. Gehen Sie dabei auf das Bohrsche Atommodell ein. (4 BE)
  • (b) Die Balmer-Serie des Wasserstoffs beschreibt Übergänge auf das Energieniveau n=2n = 2. Die Wellenlängen folgen: 1λ=RH(141n2)\frac{1}{\lambda} = R_H \cdot \left(\frac{1}{4} - \frac{1}{n^2}\right) mit RH=1,097107  m1R_H = 1{,}097 \cdot 10^7\;\text{m}^{-1}. Berechnen Sie die Wellenlänge der Linie HαH_\alpha (n=32n = 3 \to 2). (4 BE)
  • (c) Im Spektrum eines fernen Sterns wird HαH_\alpha bei λ=662,7  nm\lambda' = 662{,}7\;\text{nm} gemessen (statt λ0=656,3  nm\lambda_0 = 656{,}3\;\text{nm}). Erklären Sie dieses Phänomen (Rotverschiebung) und berechnen Sie die Fluchtgeschwindigkeit des Sterns. (5 BE)
  • (d) Natriumdampf absorbiert Licht bei λ=589  nm\lambda = 589\;\text{nm}. Berechnen Sie die Energie dieses Übergangs. (3 BE)
  • (e) Erläutern Sie das Phänomen der Resonanzabsorption: Warum absorbiert Natrium genau diese Wellenlänge? (4 BE)

Lösungsweg

Schritt 1: Entstehung der Fraunhofer-Linien (a)

Die Fraunhofer-Linien sind dunkle Absorptionslinien im Sonnenspektrum. Ihre Entstehung lässt sich wie folgt erklären:

  1. Die heiße Oberfläche der Sonne (Photosphäre, ca. 5800  K5800\;\text{K}) strahlt ein kontinuierliches Spektrum ab — Licht aller Wellenlängen im sichtbaren Bereich und darüber hinaus.

  2. Dieses Licht durchquert die kühlere äußere Gasatmosphäre der Sonne (Chromosphäre), die verschiedene chemische Elemente enthält (Wasserstoff, Helium, Natrium, Eisen u. a.).

  3. Nach dem Bohrschen Atommodell können Elektronen in einem Atom nur bestimmte diskrete Energieniveaus EnE_n einnehmen. Ein Elektron kann ein Photon nur dann absorbieren, wenn dessen Energie exakt der Energiedifferenz zwischen zwei erlaubten Niveaus entspricht:

EPhoton=hf=EnEmE_{\text{Photon}} = h \cdot f = E_n - E_m

  1. Die Atome in der Sonnenatmosphäre absorbieren daher Photonen mit ganz bestimmten Wellenlängen aus dem durchgehenden Licht. An diesen Wellenlängen fehlt Lichtintensität — es entstehen dunkle Linien im Spektrum.

  2. Die absorbierten Photonen werden zwar wieder emittiert (Spontanemission), jedoch in alle Raumrichtungen gleichmäßig. In Beobachtungsrichtung kommt daher weniger Licht an als im umgebenden Kontinuum.

Ku¨hle Atmospha¨re absorbiert diskrete Wellenla¨ngen → dunkle Linien (Bohr: E=hf=ΔE)\boxed{\text{Kühle Atmosphäre absorbiert diskrete Wellenlängen → dunkle Linien (Bohr: } E = h \cdot f = \Delta E\text{)}}

Schritt 2: Wellenlänge der HαH_\alpha-Linie (b)

Die Balmer-Formel lautet:

1λ=RH(1221n2)=RH(141n2)\frac{1}{\lambda} = R_H \cdot \left(\frac{1}{2^2} - \frac{1}{n^2}\right) = R_H \cdot \left(\frac{1}{4} - \frac{1}{n^2}\right)

Für die HαH_\alpha-Linie gilt n=3n = 3 (Übergang von Niveau 3 auf Niveau 2):

1λ=RH(1419)=RH(9436)=RH536\frac{1}{\lambda} = R_H \cdot \left(\frac{1}{4} - \frac{1}{9}\right) = R_H \cdot \left(\frac{9 - 4}{36}\right) = R_H \cdot \frac{5}{36}

Einsetzen von RH=1,097107  m1R_H = 1{,}097 \cdot 10^7\;\text{m}^{-1}:

1λ=1,097107536  m1=1,0971070,13889  m1\frac{1}{\lambda} = 1{,}097 \cdot 10^7 \cdot \frac{5}{36}\;\text{m}^{-1} = 1{,}097 \cdot 10^7 \cdot 0{,}13889\;\text{m}^{-1}

1λ=1,524106  m1\frac{1}{\lambda} = 1{,}524 \cdot 10^6\;\text{m}^{-1}

λ=11,524106  m=6,563107  m\lambda = \frac{1}{1{,}524 \cdot 10^6}\;\text{m} = 6{,}563 \cdot 10^{-7}\;\text{m}

λHα=656,3  nm (rotes Licht)\boxed{\lambda_{H_\alpha} = 656{,}3\;\text{nm} \text{ (rotes Licht)}}

Schritt 3: Rotverschiebung und Fluchtgeschwindigkeit (c)

Phänomen: Die gemessene Wellenlänge λ=662,7  nm\lambda' = 662{,}7\;\text{nm} ist größer als die Laborwellenlänge λ0=656,3  nm\lambda_0 = 656{,}3\;\text{nm}. Die Spektrallinie ist zu größeren Wellenlängen hin verschoben — sie ist rotverschoben.

Erklärung: Dies ist eine Folge des Doppler-Effekts für elektromagnetische Wellen. Entfernt sich eine Lichtquelle vom Beobachter, wird das Licht zu größeren Wellenlängen verschoben (Rotverschiebung). Der Stern bewegt sich also von der Erde weg.

Die Rotverschiebung zz beträgt:

z=Δλλ0=λλ0λ0=662,7656,3656,3=6,4656,3=9,75103z = \frac{\Delta\lambda}{\lambda_0} = \frac{\lambda' - \lambda_0}{\lambda_0} = \frac{662{,}7 - 656{,}3}{656{,}3} = \frac{6{,}4}{656{,}3} = 9{,}75 \cdot 10^{-3}

Für nicht-relativistische Geschwindigkeiten (vcv \ll c) gilt:

Δλλ0=vc\frac{\Delta\lambda}{\lambda_0} = \frac{v}{c}

Daraus folgt die Fluchtgeschwindigkeit:

v=zc=9,751033,00108  msv = z \cdot c = 9{,}75 \cdot 10^{-3} \cdot 3{,}00 \cdot 10^8\;\frac{\text{m}}{\text{s}}

v=2,93106  ms2930  kmsv = 2{,}93 \cdot 10^6\;\frac{\text{m}}{\text{s}} \approx 2930\;\frac{\text{km}}{\text{s}}

Prüfung: v0,01cv \approx 0{,}01 \cdot c — die nicht-relativistische Näherung ist gerechtfertigt.

v2930  kms (Fluchtgeschwindigkeit, Stern entfernt sich)\boxed{v \approx 2930\;\frac{\text{km}}{\text{s}} \text{ (Fluchtgeschwindigkeit, Stern entfernt sich)}}

Schritt 4: Energie des Natrium-Übergangs (d)

Die Energie eines Photons mit der Wellenlänge λ=589  nm\lambda = 589\;\text{nm} beträgt:

E=hcλE = \frac{h \cdot c}{\lambda}

Mit h=6,6261034  J\cdotpsh = 6{,}626 \cdot 10^{-34}\;\text{J·s} und c=3,00108  msc = 3{,}00 \cdot 10^8\;\frac{\text{m}}{\text{s}}:

E=6,62610343,00108589109  JE = \frac{6{,}626 \cdot 10^{-34} \cdot 3{,}00 \cdot 10^8}{589 \cdot 10^{-9}}\;\text{J}

E=1,98810255,89107  J=3,3741019  JE = \frac{1{,}988 \cdot 10^{-25}}{5{,}89 \cdot 10^{-7}}\;\text{J} = 3{,}374 \cdot 10^{-19}\;\text{J}

Umrechnung in Elektronenvolt (1  eV=1,6021019  J1\;\text{eV} = 1{,}602 \cdot 10^{-19}\;\text{J}):

E=3,37410191,6021019  eV=2,107  eVE = \frac{3{,}374 \cdot 10^{-19}}{1{,}602 \cdot 10^{-19}}\;\text{eV} = 2{,}107\;\text{eV}

E=3,371019  J2,11  eV\boxed{E = 3{,}37 \cdot 10^{-19}\;\text{J} \approx 2{,}11\;\text{eV}}

Schritt 5: Resonanzabsorption bei Natrium (e)

Resonanzabsorption ist die selektive Absorption von Licht durch Atome bei exakt definierten Wellenlängen. Bei Natrium tritt sie besonders ausgeprägt bei λ=589  nm\lambda = 589\;\text{nm} (Natrium-D-Linie) auf.

  1. Diskrete Energieniveaus: Nach dem Bohrschen Atommodell besitzt das Natriumatom diskrete Energieniveaus. Das Valenzelektron des Natriums befindet sich im Grundzustand auf dem Niveau 3s3s.

  2. Resonanzbedingung: Ein Photon kann nur dann absorbiert werden, wenn seine Energie exakt der Energiedifferenz zwischen dem Grundzustand 3s3s und einem angeregten Zustand 3p3p entspricht:

EPhoton=hf=E3pE3s=2,11  eVE_{\text{Photon}} = h \cdot f = E_{3p} - E_{3s} = 2{,}11\;\text{eV}

  1. Selektivität: Photonen mit einer etwas größeren oder kleineren Wellenlänge haben eine andere Energie und passen nicht zu diesem Übergang. Sie werden nicht absorbiert und passieren den Natriumdampf ungehindert.

  2. Resonanz: Der Begriff „Resonanz” drückt aus, dass das Atom — ähnlich einem mechanischen Oszillator — nur bei seiner Eigenfrequenz (hier f=cλ=5,091014  Hzf = \frac{c}{\lambda} = 5{,}09 \cdot 10^{14}\;\text{Hz}) Energie aufnimmt. Das Atom wird in den angeregten Zustand versetzt und gibt die Energie nach kurzer Zeit (108  s\sim 10^{-8}\;\text{s}) durch spontane Emission wieder ab — allerdings in eine zufällige Richtung.

  3. Beobachtung: In Durchsichtrichtung fehlt das Licht bei 589  nm589\;\text{nm} — man sieht eine dunkle Absorptionslinie im Spektrum. Seitlich betrachtet leuchtet der Natriumdampf in genau dieser Farbe (Resonanzfluoreszenz).

Natrium absorbiert nur bei 589  nm, da EPhoton exakt zu ΔE3s3p passt (Resonanz)\boxed{\text{Natrium absorbiert nur bei } 589\;\text{nm, da } E_{\text{Photon}} \text{ exakt zu } \Delta E_{3s \to 3p} \text{ passt (Resonanz)}}

Ergebnis

FrageAntwort
Fraunhofer-LinienKühle Atmosphäre absorbiert diskrete Wellenlängen (Bohr)
HαH_\alpha-Wellenlängeλ=656,3  nm\lambda = 656{,}3\;\text{nm} (rotes Licht)
RotverschiebungDoppler-Effekt; v2930  kmsv \approx 2930\;\frac{\text{km}}{\text{s}}
Energie Na-ÜbergangE=3,371019  J2,11  eVE = 3{,}37 \cdot 10^{-19}\;\text{J} \approx 2{,}11\;\text{eV}
ResonanzabsorptionAbsorption nur bei exakter Übereinstimmung EPhoton=ΔEE_{\text{Photon}} = \Delta E

Schlagwörter

spektralanalysefraunhoferbalmerrotverschiebungbohrresonanzabsorption