Fortgeschritten Komplexaufgabe 20 Punkte ~35 Min. Natur & Technik

Eindimensionaler Potentialtopf und Energiequantisierung

Aufgabenstellung

Ein Elektron befindet sich in einem eindimensionalen unendlich tiefen Potentialtopf der Breite L=0,50  nmL = 0{,}50\;\text{nm}.

Gegeben: Plancksches Wirkungsquantum h=6,6261034  Jsh = 6{,}626 \cdot 10^{-34}\;\text{J}\cdot\text{s}, Elektronenmasse me=9,1091031  kgm_e = 9{,}109 \cdot 10^{-31}\;\text{kg}, Lichtgeschwindigkeit c=3,00108  msc = 3{,}00 \cdot 10^{8}\;\frac{\text{m}}{\text{s}}, 1  eV=1,6021019  J1\;\text{eV} = 1{,}602 \cdot 10^{-19}\;\text{J}.

Die erlaubten Energieniveaus im unendlich tiefen Potentialtopf sind:

En=n2h28meL2(n=1,2,3,)E_n = \frac{n^2 \cdot h^2}{8 \cdot m_e \cdot L^2} \qquad (n = 1, 2, 3, \ldots)

  • (a) Berechnen Sie die Energien E1E_1, E2E_2 und E3E_3 in Elektronenvolt. (5 BE)
  • (b) Zeichnen Sie ein Energieniveauschema und tragen Sie die möglichen Übergänge zwischen den drei Niveaus ein. Berechnen Sie die Wellenlänge des Photons, das beim Übergang n=3n=1n = 3 \to n = 1 emittiert wird. (4 BE)
  • (c) Erklären Sie, warum die Energien quantisiert sind, indem Sie die Analogie zur stehenden Welle nutzen. (4 BE)
  • (d) Vergleichen Sie das Potentialtopfmodell mit dem Bohrschen Atommodell hinsichtlich Energiequantisierung und Grenzen der Modelle. (4 BE)
  • (e) Der Potentialtopf wird auf die Breite L=1,0  nmL' = 1{,}0\;\text{nm} verbreitert. Beschreiben Sie qualitativ, wie sich die Energieniveaus ändern, und erklären Sie den Zusammenhang. (3 BE)

Lösungsweg

Schritt 1: Berechnung der Energieniveaus (a)

Zunächst berechnen wir den gemeinsamen Vorfaktor:

h28meL2=(6,6261034)289,1091031(0,50109)2  J\frac{h^2}{8 \cdot m_e \cdot L^2} = \frac{(6{,}626 \cdot 10^{-34})^2}{8 \cdot 9{,}109 \cdot 10^{-31} \cdot (0{,}50 \cdot 10^{-9})^2}\;\text{J}

Zähler:

h2=(6,6261034)2=4,3901067  J2s2h^2 = (6{,}626 \cdot 10^{-34})^2 = 4{,}390 \cdot 10^{-67}\;\text{J}^2\cdot\text{s}^2

Nenner:

8meL2=89,10910312,501019=1,8221048  kgm28 \cdot m_e \cdot L^2 = 8 \cdot 9{,}109 \cdot 10^{-31} \cdot 2{,}50 \cdot 10^{-19} = 1{,}822 \cdot 10^{-48}\;\text{kg}\cdot\text{m}^2

Vorfaktor:

h28meL2=4,39010671,8221048  J=2,4101019  J=1,505  eV\frac{h^2}{8 m_e L^2} = \frac{4{,}390 \cdot 10^{-67}}{1{,}822 \cdot 10^{-48}}\;\text{J} = 2{,}410 \cdot 10^{-19}\;\text{J} = 1{,}505\;\text{eV}

Damit ergeben sich die Energieniveaus En=n21,505  eVE_n = n^2 \cdot 1{,}505\;\text{eV}:

E1=121,505  eV=1,51  eVE_1 = 1^2 \cdot 1{,}505\;\text{eV} = 1{,}51\;\text{eV}

E2=221,505  eV=6,02  eVE_2 = 2^2 \cdot 1{,}505\;\text{eV} = 6{,}02\;\text{eV}

E3=321,505  eV=13,5  eVE_3 = 3^2 \cdot 1{,}505\;\text{eV} = 13{,}5\;\text{eV}

E11,51  eV,E26,02  eV,E313,5  eV\boxed{E_1 \approx 1{,}51\;\text{eV}, \quad E_2 \approx 6{,}02\;\text{eV}, \quad E_3 \approx 13{,}5\;\text{eV}}

Die Abstände zwischen den Niveaus wachsen mit steigender Quantenzahl — dies ist ein charakteristisches Merkmal des Potentialtopfmodells.

Schritt 2: Energieniveauschema und Photonenwellenlänge (b)

Energieniveauschema:

Die drei Niveaus werden als horizontale Linien bei ihren jeweiligen Energien eingetragen. Zwischen ihnen sind drei mögliche Übergänge als Pfeile nach unten einzuzeichnen:

  • n=3n=2n = 3 \to n = 2: ΔE=13,56,02=7,48  eV\Delta E = 13{,}5 - 6{,}02 = 7{,}48\;\text{eV}
  • n=3n=1n = 3 \to n = 1: ΔE=13,51,51=12,0  eV\Delta E = 13{,}5 - 1{,}51 = 12{,}0\;\text{eV}
  • n=2n=1n = 2 \to n = 1: ΔE=6,021,51=4,51  eV\Delta E = 6{,}02 - 1{,}51 = 4{,}51\;\text{eV}

Wellenlänge beim Übergang n=3n=1n = 3 \to n = 1:

Die Energiedifferenz beträgt:

ΔE31=E3E1=13,5  eV1,51  eV=12,0  eV\Delta E_{3 \to 1} = E_3 - E_1 = 13{,}5\;\text{eV} - 1{,}51\;\text{eV} = 12{,}0\;\text{eV}

Umrechnung in Joule:

ΔE31=12,01,6021019  J=1,9221018  J\Delta E_{3 \to 1} = 12{,}0 \cdot 1{,}602 \cdot 10^{-19}\;\text{J} = 1{,}922 \cdot 10^{-18}\;\text{J}

Die Wellenlänge des emittierten Photons ergibt sich aus E=hf=hcλE = h \cdot f = \frac{h \cdot c}{\lambda}:

λ=hcΔE=6,62610343,001081,9221018  m\lambda = \frac{h \cdot c}{\Delta E} = \frac{6{,}626 \cdot 10^{-34} \cdot 3{,}00 \cdot 10^{8}}{1{,}922 \cdot 10^{-18}}\;\text{m}

λ1,03107  m=103  nm(UV-Strahlung)\boxed{\lambda \approx 1{,}03 \cdot 10^{-7}\;\text{m} = 103\;\text{nm} \quad \text{(UV-Strahlung)}}

Schritt 3: Analogie zur stehenden Welle (c)

Die Energiequantisierung im Potentialtopf lässt sich anschaulich über die Analogie zur stehenden Welle auf einer Saite verstehen:

Stehende Welle auf einer Saite: Eine Saite, die an beiden Enden eingespannt ist (Länge LL), kann nur bestimmte Schwingungsmoden ausbilden. An beiden Enden müssen Knoten vorliegen. Daher muss die Wellenlänge die Bedingung erfüllen:

L=nλn2λn=2Ln(n=1,2,3,)L = n \cdot \frac{\lambda_n}{2} \qquad \Rightarrow \qquad \lambda_n = \frac{2L}{n} \qquad (n = 1, 2, 3, \ldots)

Übertragung auf den Potentialtopf: Das Elektron wird im Potentialtopf als stehende Materiewelle (Wellenfunktion ψ\psi) beschrieben. An den Wänden des Topfes muss die Wellenfunktion verschwinden (ψ=0\psi = 0, Randbedingung), da sich das Elektron nicht außerhalb des Topfes aufhalten kann.

Daher sind nur bestimmte Wellenlängen erlaubt: λn=2Ln\lambda_n = \frac{2L}{n}.

Mit der de-Broglie-Beziehung p=hλp = \frac{h}{\lambda} und der kinetischen Energie E=p22mE = \frac{p^2}{2m} folgt:

En=pn22me=12me(hλn)2=12me(nh2L)2=n2h28meL2E_n = \frac{p_n^2}{2m_e} = \frac{1}{2m_e} \left(\frac{h}{\lambda_n}\right)^2 = \frac{1}{2m_e} \left(\frac{n \cdot h}{2L}\right)^2 = \frac{n^2 \cdot h^2}{8 m_e L^2}

Die Randbedingungen erzwingen also diskrete Wellenlängen, die über die de-Broglie-Beziehung zu diskreten Impulsen und damit zu diskreten Energien führen. Die Quantisierung ist eine direkte Folge der Wellennatur des Elektrons und der räumlichen Einschränkung.

Randbedingungen ψ=0 erzwingen stehende Wellen  diskrete λn quantisierte En\boxed{\text{Randbedingungen } \psi = 0 \text{ erzwingen stehende Wellen } \to \text{ diskrete } \lambda_n \to \text{ quantisierte } E_n}

Schritt 4: Vergleich mit dem Bohrschen Atommodell (d)

AspektPotentialtopfmodellBohrsches Atommodell
GeometrieElektron in einem Kasten (1D)Elektron auf Kreisbahn um Kern (3D)
QuantisierungStehende Materiewellen im Kasten; Enn2E_n \propto n^2Stehende Wellen auf Kreisbahn; En1n2E_n \propto -\frac{1}{n^2}
EnergieniveausAbstände wachsen mit nnAbstände nehmen mit nn ab
GrundzustandE1>0E_1 > 0 (Nullpunktsenergie)E1=13,6  eVE_1 = -13{,}6\;\text{eV} (gebundener Zustand)
GemeinsamkeitQuantisierung durch Randbedingung/stehende WelleQuantisierung durch Randbedingung (nλ=2πrn \cdot \lambda = 2\pi r)

Grenzen des Potentialtopfmodells: Das Modell ist stark vereinfacht — ein reales Atom hat kein kastenförmiges Potential, sondern ein Coulomb-Potential (1/r\propto 1/r). Das Modell kann das Wasserstoffspektrum nicht korrekt beschreiben, ist aber nützlich für Elektronen in Nanostrukturen (Quantenpunkte, Quantendrähte).

Grenzen des Bohrschen Modells: Es funktioniert nur für Einelektronensysteme und kann weder die Intensität von Spektrallinien noch die chemische Bindung erklären. Es behandelt das Elektron noch als Teilchen auf einer definierten Bahn, was der Quantenmechanik widerspricht.

Beide Modelle: Quantisierung durch stehende Wellen; beide mit Grenzen der Anwendbarkeit\boxed{\text{Beide Modelle: Quantisierung durch stehende Wellen; beide mit Grenzen der Anwendbarkeit}}

Schritt 5: Verbreiterung des Potentialtopfs (e)

Der Potentialtopf wird von L=0,50  nmL = 0{,}50\;\text{nm} auf L=1,0  nmL' = 1{,}0\;\text{nm} verdoppelt.

Da En=n2h28meL2E_n = \frac{n^2 h^2}{8 m_e L^2} gilt, ist die Energie umgekehrt proportional zum Quadrat der Topfbreite:

En1L2E_n \propto \frac{1}{L^2}

Bei Verdopplung von LL:

En=n2h28me(2L)2=En4E_n' = \frac{n^2 h^2}{8 m_e (2L)^2} = \frac{E_n}{4}

Alle Energieniveaus sinken auf ein Viertel ihres ursprünglichen Wertes:

E1=1,5140,38  eV,E21,51  eV,E33,38  eVE_1' = \frac{1{,}51}{4} \approx 0{,}38\;\text{eV}, \qquad E_2' \approx 1{,}51\;\text{eV}, \qquad E_3' \approx 3{,}38\;\text{eV}

Physikalische Erklärung: In einem breiteren Topf passen stehende Wellen mit größerer Wellenlänge hinein. Größere Wellenlänge bedeutet kleinerer Impuls (p=h/λp = h/\lambda) und damit kleinere kinetische Energie. Die Energieniveaus rücken zudem enger zusammen, was bedeutet, dass der Übergang zum klassischen Kontinuum (beliebige Energien) bei sehr großen Topfbreiten anschaulich wird.

Verdopplung von LEn=En4; Niveaus ru¨cken enger zusammen\boxed{\text{Verdopplung von } L \to E_n' = \frac{E_n}{4}; \text{ Niveaus rücken enger zusammen}}

Ergebnis

FrageAntwort
EnergieniveausE11,51  eVE_1 \approx 1{,}51\;\text{eV}, E26,02  eVE_2 \approx 6{,}02\;\text{eV}, E313,5  eVE_3 \approx 13{,}5\;\text{eV}
Photon n=31n = 3 \to 1λ103  nm\lambda \approx 103\;\text{nm} (UV)
QuantisierungStehende Materiewellen; Randbedingungen erzwingen diskrete λn\lambda_n
Vergleich BohrBeide: stehende Wellen; Potentialtopf Enn2E_n \propto n^2, Bohr En1/n2E_n \propto -1/n^2
Verbreiterung L=2LL' = 2LEn=En/4E_n' = E_n / 4; Niveaus rücken enger zusammen

Schlagwörter

potentialtopfenergiequantisierungwellenfunktionquantenphysikbohr