Fortgeschritten Komplexaufgabe 15 Punkte ~30 Min. Natur & Technik

Compton-Effekt: Streuung von Röntgenstrahlung an Graphit

Aufgabenstellung

Röntgenstrahlung mit der Wellenlänge λ0=50,0  pm\lambda_0 = 50{,}0\;\text{pm} trifft auf eine Graphitprobe. Die gestreute Strahlung wird unter einem Winkel θ=90°\theta = 90° beobachtet.

  • (a) Beschreiben Sie den Compton-Effekt: Was geschieht bei der Streuung des Photons am Elektron? Fertigen Sie eine Skizze an. (4 BE)
  • (b) Berechnen Sie die Wellenlängenänderung Δλ\Delta\lambda mithilfe der Compton-Formel: Δλ=hmec(1cosθ)\Delta\lambda = \frac{h}{m_e c}(1 - \cos\theta). (4 BE)
  • (c) Bestimmen Sie die Wellenlänge und die Energie des gestreuten Photons. (4 BE)
  • (d) Erklären Sie, warum der Compton-Effekt als Beleg für den Teilchencharakter des Lichts gilt, und grenzen Sie ihn vom Fotoeffekt ab. (3 BE)

Lösungsweg

Schritt 1: Beschreibung des Compton-Effekts (a)

Beim Compton-Effekt trifft ein Röntgenphoton auf ein (quasi-)freies Elektron in der Graphitprobe. Das Photon wird am Elektron gestreut und gibt dabei einen Teil seiner Energie und seines Impulses an das Elektron ab:

  1. Vor dem Stoß: Das Photon hat die Wellenlänge λ0\lambda_0, die Energie E0=hcλ0E_0 = \frac{hc}{\lambda_0} und den Impuls p0=hλ0p_0 = \frac{h}{\lambda_0}. Das Elektron ruht (näherungsweise).

  2. Stoß: Das Photon trifft auf das Elektron. Der Vorgang wird als elastischer Stoß zwischen Teilchen beschrieben, bei dem Energie und Impuls erhalten bleiben.

  3. Nach dem Stoß: Das Photon wird unter dem Streuwinkel θ\theta abgelenkt und hat eine größere Wellenlänge λ>λ0\lambda' > \lambda_0 (weniger Energie). Das Elektron wird als Rückstoßelektron unter einem Winkel φ\varphi herausgeschlagen und trägt die Energiedifferenz als kinetische Energie.

Skizze: Man zeichnet ein einlaufendes Photon (Wellenlinie) von links, das auf ein ruhendes Elektron trifft. Nach dem Stoß fliegt das gestreute Photon (längere Wellenlinie) unter dem Winkel θ\theta nach oben ab, und das Rückstoßelektron fliegt unter dem Winkel φ\varphi nach unten rechts.

Photon u¨bertra¨gt Energie und Impuls auf Elektron → gro¨ßere Wellenla¨nge\boxed{\text{Photon überträgt Energie und Impuls auf Elektron → größere Wellenlänge}}

Schritt 2: Wellenlängenänderung (b)

Gegeben: θ=90°\theta = 90°, Compton-Wellenlänge hmec=2,43  pm\frac{h}{m_e c} = 2{,}43\;\text{pm}.

Die Compton-Formel lautet:

Δλ=hmec(1cosθ)\Delta\lambda = \frac{h}{m_e c}(1 - \cos\theta)

Einsetzen:

Δλ=2,43  pm(1cos90°)\Delta\lambda = 2{,}43\;\text{pm} \cdot (1 - \cos 90°)

Δλ=2,43  pm(10)\Delta\lambda = 2{,}43\;\text{pm} \cdot (1 - 0)

Δλ=2,43  pm\Delta\lambda = 2{,}43\;\text{pm}

Bei θ=90°\theta = 90° entspricht die Wellenlängenänderung exakt der Compton-Wellenlänge des Elektrons. Dies ist kein Zufall, sondern folgt direkt aus cos90°=0\cos 90° = 0.

Δλ=2,43  pm\boxed{\Delta\lambda = 2{,}43\;\text{pm}}

Schritt 3: Wellenlänge und Energie des gestreuten Photons (c)

Wellenlänge:

λ=λ0+Δλ=50,0  pm+2,43  pm=52,43  pm\lambda' = \lambda_0 + \Delta\lambda = 50{,}0\;\text{pm} + 2{,}43\;\text{pm} = 52{,}43\;\text{pm}

λ=52,43  pm=52,431012  m\lambda' = 52{,}43\;\text{pm} = 52{,}43 \cdot 10^{-12}\;\text{m}

Energie des gestreuten Photons:

E=hcλ=6,6261034  Js3,0108  ms52,431012  mE' = \frac{hc}{\lambda'} = \frac{6{,}626 \cdot 10^{-34}\;\text{J\,s} \cdot 3{,}0 \cdot 10^{8}\;\frac{\text{m}}{\text{s}}}{52{,}43 \cdot 10^{-12}\;\text{m}}

E=1,988102552,431012  J=3,7911015  JE' = \frac{1{,}988 \cdot 10^{-25}}{52{,}43 \cdot 10^{-12}}\;\text{J} = 3{,}791 \cdot 10^{-15}\;\text{J}

Umrechnung in eV\text{eV}:

E=3,79110151,6021019  eV23,7  keVE' = \frac{3{,}791 \cdot 10^{-15}}{1{,}602 \cdot 10^{-19}}\;\text{eV} \approx 23{,}7\;\text{keV}

Zum Vergleich — Energie des einfallenden Photons:

E0=hcλ0=1,988102550,01012  J=3,9761015  J24,8  keVE_0 = \frac{hc}{\lambda_0} = \frac{1{,}988 \cdot 10^{-25}}{50{,}0 \cdot 10^{-12}}\;\text{J} = 3{,}976 \cdot 10^{-15}\;\text{J} \approx 24{,}8\;\text{keV}

Das Photon hat durch die Streuung etwa 1,1  keV1{,}1\;\text{keV} an das Rückstoßelektron abgegeben.

λ=52,4  pm,E23,7  keV\boxed{\lambda' = 52{,}4\;\text{pm}, \quad E' \approx 23{,}7\;\text{keV}}

Schritt 4: Teilchencharakter und Abgrenzung vom Fotoeffekt (d)

Compton-Effekt als Beleg für den Teilchencharakter:

Der Compton-Effekt zeigt, dass Photonen sich wie Teilchen mit Energie und Impuls verhalten. Die Streuung wird vollständig durch die Gesetze der Energie- und Impulserhaltung für einen Zweiteilchenstoß beschrieben — genau wie bei der Kollision zweier Billardkugeln. Das klassische Wellenmodell kann die beobachtete Wellenlängenänderung nicht erklären, da bei klassischer Streuung (Thomson-Streuung) die Wellenlänge unverändert bliebe.

Abgrenzung vom Fotoeffekt:

MerkmalFotoeffektCompton-Effekt
Photon nach dem Stoßvollständig absorbiert (verschwindet)gestreut (existiert weiter mit weniger Energie)
Elektrongebunden → herausgelöstquasi-frei → Rückstoß
EnergiebilanzEPhoton=WA+EkinE_{\text{Photon}} = W_A + E_{\text{kin}}E0=E+Ekin,eE_0 = E' + E_{\text{kin,e}}
Beleg fürQuantelung der Energie (E=hfE = hf)Teilchencharakter (Impuls p=hλp = \frac{h}{\lambda})

Beim Fotoeffekt wird das Photon vollständig absorbiert, beim Compton-Effekt bleibt es als gestreutes Photon mit geringerer Energie erhalten. Der Compton-Effekt belegt zusätzlich die Impulsquantelung des Photons.

Compton: Stoß mit Impulsu¨bertrag; Fotoeffekt: vollsta¨ndige Absorption\boxed{\text{Compton: Stoß mit Impulsübertrag; Fotoeffekt: vollständige Absorption}}

Ergebnis

FrageAntwort
Compton-EffektPhoton-Elektron-Stoß: Wellenlänge nimmt zu, Elektron erhält Rückstoß
WellenlängenänderungΔλ=2,43  pm\Delta\lambda = 2{,}43\;\text{pm}
Gestreutes Photonλ=52,4  pm\lambda' = 52{,}4\;\text{pm}, E23,7  keVE' \approx 23{,}7\;\text{keV}
TeilchencharakterStoß mit Impulserhaltung; Fotoeffekt: Absorption, Compton: Streuung

Schlagwörter

comptonroentgenphotonstreuungteilchencharakterquantenphysik